Awolnation – Here come the runts (Review/Musik)

Die Review zu „Awolnation – Here come the runts“ ist Teil der Reihe „Klopper der Woche: Die Rock’n’Roll-Sommeroffensive 2018“.

Der Sommer 2018 darf bisher recht viel: Spaß bringen, Mücken verjagen, Regen vergessen – und das nahezu jeden Tag. Deshalb muss man nicht gleich in die nächstbeste Baileys-Bar oder Gabalier-Schunkelbutze springen, aber für schwerfällige Musik und das ganze Zum-Nachdenken-Gedöns bleibt halt auch keine Zeit. Was nicht heißt, das Gitarren nicht dürfen. Die dürfen wohl, so richtig nämlich, Hauptsache nach vorne, ins Gesicht, der guten Laune entgegen. Was gab es bisher 2018? Wo fließt der Starkstrom am Flüssigsten? Vorhang auf für eine neue Reihe: Klopper der Woche – Die Rock’n’Roll-Sommeroffensive 2018!

Awolnation – Here come the runts

Rock /Indie / Dance Pop / Electronica

02.02.2018 -- Red Bull Records -- 45:48 min

Awolnation

Paradies-Sprenghuhn

Die Wikipedia führt Buch über die im Laufe des Jahres erschienen Alben. Diese Liste legt keinen Wert auf Vollständigkeit, sondern berücksichtigt eher jene Outputs, von denen man auch als Genrefremder irgendwie schon einmal Wind bekommen haben dürfte – ist aber super praktisch, wenn man gerade an einer Review-Reihe über 2018er Rockalben werkelt und längst nicht mehr auf dem Schirm hat, was es überhaupt gab. Apropos Genre: Alle Veröffentlichungen werden dabei mit diversen Musikstilen mal mehr, mal weniger treffend katalogisiert und schubladisiert.

„Here come the runts“ ist eines der Alben, bei denen die Genre-Kategorie leer bleibt. Vielleicht hatte der sonst so engagierte Wiki-Fachpraktikant die Kontrolle über sein eigenes Power-Napping verloren, vielleicht war er auch schlicht heillos überfordert, Aaron Brunos Elektro/Rock-Projekt Awolnation nur halbwegs adäquat einzuordnen. Verwunderlich wäre es kaum, denn Aaron Bruno ist ein Mann mit viel zu vielen Ideen, die er auf Gedeih und Verderb auf 45 Minuten Silberling zusammen zu kondensieren versucht.

Kannte man von dem 2011er Debut „Megalithic Symphony“ nur den bedrohlich blubbernden und dabei noch recht geordneten Tanzflächenfüller „Sail“, konnte man nicht ahnen, auf was für ein kunterbuntes Sprenghuhn man sich auf volle Distanz einlassen würde. Das zündete beileibe nicht immer, war oftmals nah an Hysterie und Kitsch, aber geht bis heute als Guilty-Pleasure-Spaßmacher locker durch. Der Nachfolger „Run“ versuchte nur oberflächlich, sich besser zu sortieren, blieb aber die selbe wilde Irrsinns-Mischung aus Indie, Rock, Folk, Soul, Funk, Hip Hop, Dance und Rave, die dank mehr großen Einzelsongs („Run“, „Hollow Moon“, „Dreamers“) qualitativ die Nase vorn hatte.

„You got a little you could use much more P…P…P…Passion!!!“

Jetzt nutzt sich diese hemmungslose Gegen-den-Strich-Kratzbürstigkeit natürlich auch irgendwann ab und wird zur Normalität, deshalb soll „Here come the runts“ beweisen, dass Awolnation auch das Mysterium Album stemmen können. Und wenn man von dem Vorboten „Passion“ überrollt wird, kommt man aus dem Grinsen schon nicht mehr raus: Leise angeschlichen, kurz angetäuscht, groß eskaliert – Ein knochentrocken sägendes Nullen-und-Einsen-Riff frisst sich in den Gehörgang, Hall und Synthies stolpern irgendwann hinterher. Das alles straight ins Gesicht, aber mit genügend kleinen Widerhaken, die so typisch jeden Awolnation-Song vom Mainstream abheben.

Grinsen muss man vor allem auch, weil schon vor „Passion“ der durchgeknallte Titeltrack die Musik gewordene Nervenanstalt betont gitarrenlastig eröffnet. Wie eine Marschkapelle auf 180 Pferdestärken mit einer Kompanie Posaunen im Gepäck fällt „Here come the runts“ nicht einfach ins Haus, sondern reißt gleich gepflegt nieder, während Bruno als bedingt zurechnungsfähiger Maestro wie angestochen darüber krakeelt.

Ignoriert man dann das betont trashige Hip-Hop-Interlude „Sound Witness System“, welches geschätzt zwei Mal witzig ist, ansonsten an dieser Position aber eher nervt, wird man von dem unerbittlich stampfenden „Miracle Man“ ganz schnell wieder abgeholt. Wie schon beim Auftakt steht die Rockinstrumentierung im Vordergrund – Auch wenn einiges aus der Konserve kommen mag, sind Awolnation eben doch mehr Rock’n’Roll als viele klassische Bandbesetzungen. Und die nachfolgende Akustik/Dance Pop-Hymne „Handyman“, die nur ein bisschen cheesy und dafür umso ohrwurmiger daher kommt, fügt sich nahtlos in den auffällig organischeren Stil des Werks ein.

Man merkt, dass hinter „Here come the runts“ ein größerer Plan stand, dass die Elemente des Awolnation-Sounds harmonischer zusammen agieren. Der Nachteil: Im Gegensatz zu den Vorgängern folgen weniger polternde Paradiesvögel, die aus der Masse herausstechen und sich offensiv Gehör verschaffen. Songs wie „Jealous Buffoon“, „Table for one“ und „My Molasses“ kommen einfach nicht aus dem Knick und der Eine-Idee-Punker „Cannonball“ bleibt auch eher wegen seinen – gewohnt Awolnation-feinsinnigen – Lyrics im Gedächtnis. „I shoot like a cannonball. Fuck like an animal. Breathe in your love through my lungs like an addict does.” …Ja, genau!

“Seven Sticks of Dynamite” kann das bei Longplayer-Halbzeit noch bedeutend besser, pirscht sich über eine ausgestöpselte und nur scheinbar unschuldige Klampfe langsam vor, um dann umso breitbeiniger vom Leder zu ziehen und in einem „Gangsta’s Paradise“-Gedächtnis-Chor seinen Meister zu finden. Und die letzten Ausrufezeichen kommen sowieso am Schluss, wenn sich das dreiteilige „Stop that Train“ behutsam aufbaut, kurz zum epischen Chorus ansetzen will, dann doch wieder in seinem treibenden Rhythmus versinkt und im Finale die große Hardcore/Metal-Keule zelebriert.

Unterm Strich zeigen Awolnation mit „Here come the Runts“, dass sie ein Album auch stimmig und in sich geschlossen beherrschen. Auch wenn man das Gefühl nicht los wird, dass sich Aaron Bruno zeitweise absichtlich zurückhält, um nicht wieder als Rowdy der Schule in der Ecke stehen zu müssen. Die Langrille hat viele tolle Momente und klasse Songmaterial, aber auch eine Handvoll streckender Füller, die wenig helfen. Klar, ein Awolnation-Album ist ein Awolnation-Album und macht Spaß wie es soll. Aber das nächste Mal vielleicht doch wieder ein bisschen mehr Wahnsinn? Danke!

  1. Here come the runts
  2. Passion
  3. Sound witness system
  4. Miracle man
  5. Handyman
  6. Jealous buffoon
  7. Seven sticks of dynamite
  8. A little luck… and a couple of dogs
  9. Table for one
  10. My molasses
  11. Cannonball
  12. Tall, tall tale
  13. The buffoon
  14. Stop that train

Highlights:

  • Here come the runts
  • Passion
  • Handyman
  • Seven sticks of dynamite
  • Stop that train
Bewertungssystem 4.0

Awolnation - Passion (Official Music Video)

Awolnation - Seven sticks of dynamite (Official Music Video)

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