Der Schreibtisch 07-2018 – Im Angesicht des Kältetodes: Bücherverbrennung als Chance?

Buch, das; -[e]s: Ein Comic ohne Bilder, meistens

Leipzig liest wieder. Zu Hunderttausenden. Das heißt, Leipzig schaut gerade kein RTL. Da kann man schon mal klatschen. Natürlich liest nicht nur Leipzig, sondern es lesen auch Leute, die gerade in Leipzig sind, aber nicht Leipzig sind. Was ja auch nicht schlimm ist. Und Leipzig und Nicht-Leipzig verkleiden sich auch wieder. Die verkleiden sich soweit, das man am Ende gar nicht mehr weiß, ob der oder die jetzt Leipzig oder Nicht-Leipzig oder Japan ist. Hurra, es ist Buchmesse und Manga-Comic-Con – und es ist „Leipzig liest“, mit einer schier unüberblickbaren Masse an tausenddrölfzig Veranstaltungen, die zwischen 225 Seiten pdf-Einband passen. Das Schöne dabei: Niemand will einen umbringen! Das hat die Leipziger Buchmesse der Deutschen Bahn voraus. Die Deutsche Bahn liest nämlich nicht, die Deutsche Bahn lässt Leute erfrieren. Mit taktischer Unerreichbarkeit, gezielter Fehlinformation und personeller Abwesenheit. Weil sie ein Arschloch ist. Und Arschlöcher lesen nicht.

Revival of the Buch, Survival of the fittest

Leipziger Buchmesse

Buchmesse Leipzig, 2018. Ja Mensch, ist das wieder entspannt und gemütlich und mit wenig Menschen, wegen Wetter. Da geht ja auch keiner freiwillig vor die Tür … Denkt man sich noch, während man seine Plagwitzer Vierwand-Schachtel verlässt und schon in der ersten Tram die Wackeligkeit der waghalsig aufgestellten These in die Fontanelle geschraubt bekommt. Denn wo Mucki-Joe längst mit Auto zur Fitnessbude kurvt, können Dauerschnee und gefühlte -20° die gemeine Lese- und Cosplay-Ratte von heute nicht einmal zum Schulterzucken animieren. Lief der Freitag noch recht bekömmlich, war der Samstag schon ziemlich grenzwertig besetzt, gefühlt um einige Kanten gedrängter als noch 2017.

Gut wenn man sich mittlerweile etwas auskennt, denn der Aufbau ist grob bekannt. Manga-Halle rechts unten, Kinder- und Jugendliteratur links drüben, internationaler Bereich und Messebuchhandlung weiter oben, gegenüber Verlage, Öffentlich-Rechtliche und Self Publishing. Es soll ja nicht jedes Jahr auf dem Messegelände das Buch neu erfunden werden, das macht das Buch schon ganz gut selber. Ja, die Leute lesen wieder. Nicht nur im Rahmen der Beton-und Glasmauern vor Ort mit immer neuen Besucherrekorden, auch in ÖPNV und Alltag sind die Smartphone-Zombies zumindest langsam auf dem Rückzug. Und werden nicht unbedingt substituiert durch eReader, für viele ist haptisch immer noch das Wahre. So wahr, dass gar in Scharen zu den alten Schinken der Antiquariats-Meile getrampt wird.

Hach ja, das Antiquariat. Wo lässt sich schöner stöbern und Strichliste führen bei den Namen Brecht, Hesse und Mann!? Und William Faulkner als treuer Verfolger auf der diesjährigen Buchmesse. Einer der gerne mit dem persönlichen Lieblings-Autor verglichen wird. Okay, eingepackt und zugeschnürt. Und die Edda hinterher, die ich letztes Jahr noch an die quengelnde Begleitung abgetreten und stattdessen mit der Göttlichen Komödie Vorlieb genommen habe. Dazu gibt’s standesgemäß Lesungen und Vorträge über Schriftsteller in Haft und Übersetzer in Krisengebieten, die eigentlich immer irgendwie interessant sind, wenn man sich denn interessiert. Und wenn einem dann später noch eine Literatur-Zeitschrift in die Hände fällt, in der auch die Süße veröffentlicht ist, parallel zum Sektfrühstück mit dem Verlagschef, dann ist man längst mittendrin statt außen vor.

Außen vor und latent fehl am Platz ist man dann vielmehr bei den Cosplayern, was natürlich nicht böse gemeint ist. Eher schämt man sich ein wenig, dass man da casual als Otto Normalo durch die Gänge der Manga-Con-Parallelwelt schlurft. Während man merkt, wie alt und langweilig man mittlerweile geworden ist, weil man irgendwie nur noch Sailor Moon, Coon & Friends aus South Park und Link erkennt – den man dann wieder Zelda nennen kann, um zu testen, ob man vor dem Lynchmob schnell genug wegrennt. Aber dafür sind Cosplayer sowieso grundsätzlich zu lieb und nett. Und beeindrucken immer wieder mit Einfallsreichtum und Detailverliebtheit. Auch wenn man kein Teil davon ist, darf man das trotzdem ganz toll finden.

Traditionen pflegen: Die Reichsbahn rollt wieder

Reichsbahn

Schade, dass man irgendwann zurück muss von der Buchmesse. Schade, weil die Beine nicht mehr wollen und der Kopf vor Reizüberflutung quittiert. Schade auch, weil man sich dafür in die gierigen Klauen des öffentlichen Personen-Nahverkehrs begibt. Und noch viel mehr schade, wenn man sich in erbärmlichstem Leichtsinn noch auf Kurzbesuch nach Halle (Saale) begeben will, der Tag ist ja noch nicht durch. Aber was soll schon passieren, irgendwas fährt ja immer. Tut es auch, in Leipzig zumindest, und grenzenlose Naivität lässt einen einsteigen…

Vorhang auf: Leipzig-Lützschena. Das klingt nicht ansatzweise so sehr nach Pampa wie es tatsächlich ist. Nach über einer halben Stunde dann die Auflösung des Rätsels: Halle nimmt keine Züge mehr an, auf der ganzen Strecke stehen Wagen, und wir als letztes Glied der Reihe bleiben hier auf laaaange unbestimmte Zeit. Im diabolischen Handshake dazu die verbindliche Aussage der professionellen Karten-Abreiß-Schaffnertöse, man solle doch lieber aussteigen und vom anderen Gleis nach Leipzig zurück. Da fährt es nämlich noch, haben wir gerade im Gegenverkehr ja auch selbst gesehen. Also gut, raus da, Halle muss warten, und an Gleis 1 schallt es auch durch die Metallmuscheln, der gerade Anrollende habe (nur) fünf Minuten Verspätung. Super, alles richtig gemacht…

…denkt man sich nach 45 Minuten nicht mehr. Unser eigentlicher, nie und nimmer weiter fahrender Zug ist natürlich weiter gefahren, logisch. Und wir hören und sehen uns eine durch und durch verlogene Lautsprecher-Durchsage nebst LED-Blinketafel nach der anderen an. Irgendwann bekommt einer von uns Geschädigten den DB Service an den Apparillo: Und im selben Moment, während die Schrapnelle uns versichert, aus Leipzig Wahren kommt in sechs Minuten ein Regional-Zäpfchen, sagt die Auto-Quatsche von oben, der Zug fällt aus. Wie bitte!? Das ist doch keine Inkompetenz mehr, das ist bitterste Desinformation für Leute, die gerade mitbekommen, wie kalt so ein kalter sibirischer Wind trotz dicken Klamotten irgendwann werden kann. Unnatürliche Selektion durch DB-Mitarbeiter, die 40er reloaded!

Keiner, wirklich keiner von uns bekommt ein Taxi. Ausgebucht, unpässlich, oder nicht einmal ein Verbindungsaufbau hier im hintersten Hinterland. Zwei Stunden! Zwei Stunden, in denen nichts passiert außer quälend langsames Abfrieren aller lebensnotwendigen Körperteile. Für Todesangst mag es etwas früh sein, aber ernste Bedenken und Hilflosigkeit stehen jedem von uns mittlerweile tief in die zerfurchten Gesichter geschrieben. 21. Jahrhundert, alle technischen und digitalen Möglichkeiten, und dennoch völlig machtlos im vergessenen Nirgendwo. Ginge es nach der Deutschen Bahn, wir würden hier elendig verrecken. Und dann doch, aus dem Nichts, ohne Ankündigung, eine mit allerlei anderen gequälten Seelen überfüllte S3 als letzter Rettungsanker. Danke, Deutsche Bahn. Danke, dass ich doch noch nach Hause fahren und meiner Süßen sagen darf, dass sie sich keine Sorgen machen soll. Danke, dass ich ihre Gedichte in der oda-Zeitschrift zu lesen bekomme. Und dass ich nächstes Jahr wieder zur Buchmesse kann. Nur dann bitte ohne euch, ihr Arschgeigen!

2 thoughts on “Der Schreibtisch 07-2018 – Im Angesicht des Kältetodes: Bücherverbrennung als Chance?”

  1. Wie lange hättest du denn von Lützschena bis zu dir laufen müssen? Nicht, dass das eine Option bei den eisigen Temperaturen gewesen wäre, aber immerhin hättest du dann nicht frierend rumgestanden… 😉

    1. Laut Google Maps 10km in zwei Stunden. Gesetzt den Fall, ich hätte den Weg gekannt und meine Hand wäre bei Dauer-Smartphone-Kompass nicht abgefallen. Angeblich soll da aber in der Nähe auch ne Tram alle halbe Stunden fahren. Wusste ich nicht, aber bei der Witterung hätte mich das gewundert, dass sich da ne Straßenbahn mitten durchs Nirgendwo pflügt. Die haben ja kaum den Stadtverkehr aufrecht erhalten können…

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