Der Schreibtisch 12/2017 – Oh Du Unfröhliche?

Winter ist ein Arschloch! Das ist so und war auch nie anders, außer in den Köpfen der Leute, die sich noch immer an wochenlanges Wi-Wa-Winter-Wunderland zurück zu erinnern meinen, welches so ganz sicher nie oder nur in den seltensten Fällen stattgefunden hat. Winter ist in erster Linie: Kalt bis zwischen die Eier und durch und durch verlogen. Weil unter dem weiß Geflockten doch nur spiegelglattes Gesichts-Abrieb-Material mit den Zähnen fletscht, weil nach gefühlt Millisekunden Schnee stets wochenlanges Dreck-und-Matsch-Suhlen wartet, weil minus 10 Grad grundsätzlich pervers ungeil sind, weil jedes öffentliche Verkehrsmittel völlig überfordert am Kläppchen dreht… und weil es Weihnachtsmärkte gibt!

Der erste Höllenkreis: Weihnachtsmärkte

Weihnachtsmarkt

„Naja, einmal muss ja wenigstens“… und schon hat man verloren. Nein, muss nicht! „Aber der in Erfurt ist doch einer der schönsten…“ – Nein! „Aber der Striezelmarkt in Dresden…“ – Nein!! Und ganz sicher muss auch nicht der flächendeckende Besinnlichkeitswahnsinn des Leipziger Weihnachtsmarktes. Zwei Stunden zwischen Käthe-Kollwitz(Wohlfahrt)-Platzangst, Riesenrad-Kirmes und zu vielen zu dummen Menschen genügen für ein ganzes Leben – oder bis zur Wiederholung der Selbstgeißelungs-Tortur im Dezember 2018. Denn zu den vielen dummen Leuten gehört man ja selbst!

Nein, man muss sich das wirklich nicht antun. Man weiß zu gut, dass einen wenig erwartet außer drölfzigtausend Glühweinhütten, ignoranten Im-Weg-Stehern mit immobilem Kinderwagen- oder Altengleis-Anhang und jeder Menge als Handwerkskunst getarntem Holz- und Glitzer-Nippes. Und während man sich beim allgemeinen Sport-Quetschen durch die Zweibeiner-Massen pflügt und seine Klamotten mit Feuerzangenbowle und Kräppelchen rundverschönern lässt, wird man unweigerlich Zeuge zahlloser Dialog-Fetzen, die einen nur noch vage an einen Missing Link zwischen Mensch und Affe glauben lassen. Man wird ja auch nicht weniger gesellschaftsfähig, entzieht man sich der weihnachtlichen Freiwilligen-Internierung, hat höchstens bessere Laune. Denn mal ehrlich: Wer ist jemals glücklicher von einem Weihnachtsmarkt runter getingelt als er nach dem Aufstehen war – und Nein! Besoffen zählt nicht, literweise Komplett-Sedierung taugt selten als Argument.

Aber vielleicht gibt man sich der Misere auch nur hin, um sich danach  schön gepflegt darüber aufregen zu können, denn was kann es Deutscheres geben!? So deutsch, dass sich Deutsche ein finnisches Lachsbrötchen für sechs Taler kaufen und sich in dem Moment, in dem sie es in ihren ausgemergelten Händen halten, über den Preis von sechs Talern beschweren. Eine formvollendete Jekyll/Hyde-Metamorphose, derer man aus gesundheitlichen Gründen eigentlich nur fern bleiben kann. Zuhause ist es eh viel schöner.

Alle weiteren Höllenkreise: Last Christmas

Weihnachtswahnsinn

Vor allem kann man da so tolle Sachen machen wie Ausschlafen, auf der Couch hängen und …Plätzchen backen! Schließlich ist die Bosheit der Weihnachtszeit Legion und kriecht durch jede Lücke bis in die allerheiligsten Gemächer. Und wenn sich dann noch die Süße mit den teuflischen Mächten verbündet, bleibt nur Kapitulation. Zwei Minuten! Nur zwei Minuten lässt man sie alleine, weil man nach dem Lichterbogen als einziges Zugeständnis an die adventlichen Festlichkeitszwänge sucht, und schon muss man sich hilflos mehrstündigem Weihnachtslieder-Horror aus allen der Menschheit bekannten vergangenen Jahrzehnten ergeben. Gut, geschenkt, ihr macht’s ja Freude. Aber wenn man nur kurz in der Dusche verschwindet und sie schamlos die Gunst der Stunde für Whams „Last Christmas“ ausnutzt, dann ist das ein Frevel, der zu gegebener Zeit biblische Strafen nach sich ziehen wird! Aber erst muss man so ein Backen an sich überleben.

Backen ist nicht wie Kochen. Kochen macht Spaß. Beim Kochen kann man experimentieren und im schlimmsten Fall das Ergebnis versalzen oder versuppen. Backen hingegen, Backen ist Chemie. Und Chemie ist Scheiße! Weil Chemie wie Mathematik nur Nullen und Einsen kennt. Eine Gleichung falsch und meist ist das ganze Ergebnis nicht zu genießen. Ohne Korrekturschleifen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich das internationale Puderzucker-Kartell jüngst dazu entschieden hat, ihre Wirtschafts-Grundlage nur noch in mikroskopisch kleinen Mengen und an ausgewählte Personae zu verscherbeln.

Sei’s drum, wir haben uns durchgebissen, irgendwas zusammen gepampt und es ist verdammt nochmal was geworden, Herrgott noch eins! Also zumindest die Nougat-Plätzchen. Bei dem Inhalt des anderen Blechs wissen wir noch nicht genau, was es ist, aber wir haben es lieb und werden ihnen bald Namen geben. …Und uns in Zukunft auf Kathi-Fertigbackmischungen konzentrieren, den Aufwand und die Sauerei macht doch keiner freiwillig mit. Weshalb muss fast alles, das mit Weihnachten zu tun hat, eigentlich so himmelschreiend unentspannend sein? Dass man gar bei Eiseskälte durch Schnee- und Matschgestöber fährt, um sich bei zu lauter Musik und deutlich weniger dummen, aber immer noch vielen Menschen die ersehnte Ruhe abzuholen?

Die Rettung: Emma Ruth Rundle

Jaye Jayle
Emma Ruth Rundle (Mitte) mit Jaye-Jayle-Mastermind Evan Patterson (rechts)

Zumindest für die Leute, die bei dem Schnee-Chaos ihren Weg ins Leipziger UT Connewitz freischaufeln konnten. Trotz deutlicher „Ausverkauft!“-Signale haben letztendlich Abendkasse-Tickets das noch immer halbwegs überschaubare Publikum gerettet. Viele haben es einfach nicht bis zur Location geschafft, der Hallenser Hauptbahnhof beispielsweise war völlig außer Gefecht. (Merke: Es braucht nur 1 Einheit ‚brennender IC‘, um die Funktionalität des Advents-Betriebsablaufs des Deutschen Schienenbundes auf eine schier unüberwindbare Probe zu stellen.) Damit hat es dann aber auch einen guten Freund erwischt, der ebenso festsaß, für den es mir unendlich leid tut und dem dieser kurze Konzert-Bericht gewidmet ist…

…der allerdings nicht kurz genug ist, um hier nicht dennoch den gegebenen Rahmen zu sprengen. Allen Interessierten sei daher der unten stehende Link zum Konzertbericht ihres Auftritts am 03.12.2017 im UT Connewitz ans Herz gelegt. Nur so viel: Ja, sie alle sollten Recht behalten. All jene, die bereits das Glück hatten, die Kalifornierin live erleben zu dürfen. Ein emotionaler, bewegender Abend mit einer wundervollen Künstlerin und mit Jaye Jayle als stimmungsvollem Support, der definitiv einen eigenen Text verdient.

Draußen jedoch, abseits von Rundles Gig, herrschte freilich noch Frost in all seinen verachtenswerten Facetten. Und so bleibt bei aller Euphorie am Ende dennoch die Gewissheit, auf dem Weg zum Konzert den Sturz des Fahrrads mittels eigenem Schienbein gekonnt abgebremst zu haben. Der erste Wintereinbruch 2017 stellt also gleich unmissverständlich klar, dass man an ihm trotz Tauwetter noch viele trübe Tage schmerzhaften Spaß haben wird.

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