Der Schreibtisch 12/2018 – Hitzefrei! Kolumne im Sommer-Modus

Schluss. Aus. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Wer gerade wen zum heißen Tänzchen mit großen Waffen auffordert und wem welches Atomabkommen an wessen Rüstungsnäschen vorbei zwitschert und warum RB kein Spiel mehr gewinnt… Alles egal! Was andere können, kann …nein, darf… nein, muss die Kolumne schon lange. Also tief durchgeatmet, den Kopf in den heißen Wüstensand geschoben und den Allerwertesten Richtung Glückseligkeit gereckt: Es wird Sommer!

Zumindest war das so bis Sonntag! Viel wärmer, als es im April sein sollte. Und es tut gut. Winter, nass und kalt und grau sind zu lange nicht mehr in ihre Schranken gewiesen worden. Pflanzen und Bäume zeigen sich endlich wieder grün und bunt, beim Joggen holt man sich den verdienten Hitzekoller und die Menschen sind besser drauf. …Außer die, die sowieso immer was zu meckern haben, aber denen kann eh keiner helfen. Und wenn ein paar davon dann wieder mit dem Klimawandel um die Ecke pilgern, haben sie mit den USA gleich den weltbestesten Sündenbock vor’m geladenen Gewehrlauf. Hach, ist das schön…

Bright eyes in the sunshine

Sommer

Nein, nicht Conor Oberst. Auch wenn das unerklärlich viele Leute anders sehen, aber dieser weinerliche Kerl geht bei keinen Temperaturen. Sorry! Ein wenig darf man sich ja schon wundern über 28° Mitte April. Und das ganz ohne Wind, ohne den ja nahezu den ganzen vergangenen Sommer gar kein Sonnenbrand zu holen war. Jetzt könnte man freilich groß herum apokalyptieren und die verbliebenen Arktisberge vor der Haustür vorüber flitzen sehen – oder man lässt es bleiben.

Wetter darf schließlich den Sommer fast ganz ausfallen lassen – siehe 2017 – und dafür nächtliche Minustemperaturen von November bis Mai servieren (–> 2017). Wetter darf 38° im Juni und -20° im März, weil Wetter das eben kann. Und dann kann es eben auch 28° im April und darüber darf man sich dann auch freuen. Ist ja eh schon wieder alles durch. Sagt zumindest der Regen da draußen, der mit Spaß in etwa so viel zu tun hat wie der Vatikan mit Abtreibungskliniken.

Und so kann man dann drei Stunden beim Baseball durchbraten, mit Budweiser und Hackbrötchen, während die eigene Kreislauf-Verfassung das größtmögliche First-World-Problem darstellt. Man kann in den Park scharwenzeln und im Gras die Zeit fliegen lassen, und das gleich mehrmals. Man kann frühstücken auf dem Balkon und zusehen, wie der Mediterrane-Kräuter-Garten so viel Sonne gleich gar nicht verträgt. Und man kann sich darüber wundern, dass man mit gepackten Sachen vor einem noch geschlossenen Freibad steht.

Und dann kann man sich Pläne zurecht legen von Freiluft-Konzert über Biergarten, Eis essen, Rooftop-Cocktail-Bar bis hin zum Zoobesuch – und am Ende doch die Faulheit gewinnen lassen. Das ist wesentlich mehr, als man sonst mit Aprilwetter verbindet, und da beschwert sich dann bitteschön niemand mehr. Außer über zu kurze Wochenenden.

Klimarettung aus der Portokasse

Ein Glück! Ein Glück, dass es die USA gibt. Wie oft kann man diesen Satz schon sagen? Wie oft er dann auch noch ehrlich gemeint und nicht Ergebnis grantigsten Zynismus ist, das kann und will die Kolumne hier auch nicht beantworten. Aber wenn die jüngste Frühlingshitze zur erwartbaren Regel avancieren soll, dann geht Uncle Sam den entscheidenden Schritt in die richtige Richtung. Dass sie aus dem Pariser Klimaabkommen austreten wollen, ist ja keine Neuigkeit. Verwerflich, aber Trumpsche Rumpel-Logik nach Maß. Interessant ist auch nicht, dass New Yorks Ex-Bürgermeister und Milliardär Michael Bloomberg den US-Beitrag aus eigener Tasche abstottern will – Löblich, aber eben auch die ganz große Gala.

Das eigentlich Interessante ist die Zahl von 4,6 Millionen US-Dollar! 4,6 Millionen Jahresbeitrag? Damit kann man 49 Mal Neymar kaufen. Dafür kriegt man den BER-Flughafen nach aktuellem Stand zu 0,06% finanziert. Dann hat man knapp ein Zehntel eines Euro Fighter, also vielleicht eine Tragfläche. Und die VW-Funktionäre würden sich angesichts der 2,8-Milliarden-Strafe in den USA ein paar zusätzliche Löcher in ihre Managerpopöchen freuen. Für solch eine Summe bequemt sich das Orangerie-Püdelchen sonst nicht einmal ins Oval Office.

Die Absage an das Abkommen ist keine finanzielle Entscheidung, sondern ein trotziges Statement. Die Verweigerung von Peanuts zugunsten Great-Again-Geschwurbels. Und angesichts des gewissenlosen First Man im Weißen Haus geradewegs zu erwarten, weshalb das ungläubige Kopfschütteln auch eher mau ausfällt.

Dunkle Wolken am Firmament

Aber vielleicht sollte man die nächste Etappe zum Sieg über das Ozon auch einfach feiern solange man kann. Denn der Sommer kann sich hell strahlend anstrengen wie er will, gegen Legionen finsterer Wolken ist auch er machtlos: Gerade ist die Nahles mit phänomenalen 66% an die Parteispitze gewütet – und das heißt, bald kriegen wir alle auf die Fresse! Die jüdischen Mitbewohner der Republik bekommen das ja jetzt schon zu spüren. Die spüren das so sehr, dass der Zentralrat der Juden mittlerweile zum Tragen von Basecaps oder Ähnlichem rät, anstatt mit Kippa in deutschen Großstädten seinen Glauben offen zu zeigen. So muss sich das anfühlen, wenn 1933 an der Tür klopft und nicht mehr in seine Höhle zurück kriecht.

Und Dr. Trump kann noch so sehr sein Desinteresse an der Region Syrien bekunden, an anhaltendem Bürgerkrieg und Flüchtlingswellen ändert das auch nichts. Vor allem dann nicht, wenn sich die deutsche Rüstungsindustrie nach Rekord-Exporten in den vergangenen Jahren mit Ansage zu noch gewaltigeren Großaufträgen anschickt, um den Status Quo in den Krisen-gebeutelten Regionen zum eigenen Vorteil aufrecht zu erhalten.

Und auch wenn einem das alles gepflegt wumpe ist, weil man es sich in seiner Wohlstandsblase viel zu bequem gemacht hat, und auch wenn man aus guten Gründen auf Toten nicht herum trampeln soll, kommt man an einer bitteren Gewissheit nicht vorbei: Es wird Sommer, es ist simpel, es sediert – Ja, die kommenden Monate werden wir noch viel mehr musikalische Streckbänke von Avicii ertragen müssen. Und da kann man sich das Entschwinden der heißen Zeit schon fast wieder herbei sehnen… Aber nur fast!

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