Island Reisebericht – Tag 6 – Ritt der Wal-küren

Murphy’s law

Tag 6 unserer Tour startet unheilvoll: Nicht einmal mehr die Zeit für einen weiteren Frühspachtel-Belastungsrekord bleibt, denn schon 9 Uhr erwartet uns ein wichtiges Meeressäuger-Vorstellungsgespräch, dem wir aus Vita-Pflegegründen lieber nicht fern bleiben. Und bis Akureyri ist es ja auch noch ein Stück, aber wenn Google 25 Minuten verspricht und wir noch locker 10 darüber liegen, kann ja nichts schief gehen… Wieso bauen die hier eigentlich erst vor wenigen Jahren eine Insel umspannende Schnellstraße hin, wenn jetzt schon wieder daran herumgedoktert werden darf, das kenn‘ ich sonst nur von den Schwachbau-Theoretikern zu Hause. Ich sehe weder jemanden arbeiten (wie zu Hause!) noch irgendein Ende des Vielverkehr-Entschleuniger-Areals. Und was macht dieser unterbezahlte (vermutlich besser als ich bezahlte) blonde 2-Meter-Island-Lulatschsson da vorne, der sich ohne erkennbares Funkkontakt-Modul und halb komatös an seinem mobilen „Stopp“-Schild-Versuch festgriffelt? ‘Ne Ampel gibt’s doch auch nicht, woher weiß Eddy Stark, wann es weiter geht? … Grummele ich in mich hinein, als plötzlich ein bandwurmiger P- und LKW-Tross samt Safety Car voran in unsere Richtung zirkelt. Letztere vierbestuhlte Front-Infanterie wird alsbald eine 180°-Pirouette vollziehen und mit den unübersehbaren Lettern „Follow Me“ die Richtung vorgeben –  Und das dann den ganzen langen Tag hin und her wiederholen. Odins Urenkel am Stopp-Zeiger hat inzwischen Teilchenbeschleuniger-artig auf „Go“ geswitcht, dafür hat sich der dreijährige Schilddreh-Intensivkurs sicher gelohnt. Außerdem sagt mir das Uncle-Cracker-Auto da vorne schon, was ich tun soll, was will die Schildkröte von mir? … Ich bin latent genervt …

Der staatlich anerkannte Geduldprüfer auf Bullrocs Co-Piloten-Sessel hat freilich auch noch seinen Beitrag zu leisten: In zwei bis drei Kilometern müssen wir also rechts ab, okay. 500 Meter später hätten wir da also gerade rein gemusst, aha! Natürlich sind wir die letzten, dennoch unnatürlich gelassen sind sowohl unsere Reisegruppe als auch die versammelte Whale-Watching-Supervisor-Mannschaft. Wie jetzt, ihr kriegt die Truppe für den großen Kutter nicht voll? Ob wir stattdessen mit dem Speedboat Vorlieb nehmen würden? Ob wir also freiwillig den immobilen Holzklotz gegen ein wendiges Schnellboot in unmittelbarer Wassernähe eintauschen, was uns bei Vorabbuchung locker den doppelten Obulus beschert hätte? Na, wenn’s denn sein muss…

Akureyri Innenstadt
Akureyri, Innenstadt - Mit Troll und Eisbär

Ritt der Wal-küren

Jeder antarktischen Unterwasser-Expedition zur Ehre gereichend, verpackt und zugeschnürt, begeben wir uns alsbald mit Tourguide Guillaume auf große Buckligen-Jagd. Ob irgendwo im isländischen Gesetzestext eingemeißelt steht, dass nur Angeheiratete und Halbfranzosen ungeliebte Reiseführer-Jobs übernehmen dürfen? Für eine abgewrackte Teilzeitkraft ist Guillaume nämlich wie schon Benoit zuvor mit deutlich zu viel kindlichem Eifer bei der Sache – Sei’s drum, Glück für uns, hätte ich doch nur die Ahab-Harpune mit ins Speer(!)gepäck genommen… Glück auch, dass sich erst zwei Wochen zuvor eine sechs-bauchige Kompanie Buckelwale unter ständig wechselnden sozialen Gruppierungen in Akureyris 60-Kilometer-Fjord für vieltonnige Nahrungsaufnahme und baldige Äquatorial-Weiterfahrt zum Brüten und Fasten niedergelassen hat. Aller Vorab-Skepsis zum Trotz werden wir für die nächsten zwei Stunden unfassbar viel Value for Money bekommen!

Bei feinstem Sonnenwetter zeigen sich die Meeresriesen nämlich in bester Poser-Laune: Arnar ist der Chef, weiß Guillaume, und wird Chef-entsprechend stets von weiteren Dickbäuchern flankiert – Einer von ihnen hat tatsächlich den Namen „Dark Knight“ verpasst bekommen und ist der Superstar im Ensemble, der seine Schwanzflosse beim Abtauchen und gar seine Seitenfinne beim Richtungswechsel immer noch etwas fotogener ins Licht rücken kann als der Rest der Truppe. Als sich später auch noch Jackson, der Lone Wolf und Einzelgänger und stille Nr. 7, zum Sonnenbaden zeigt, ist Guillaume schon intensiv-knipsend völlig von der Rolle. Kein Wunder, dass selbst Boote aus dem fernen Husavik, welches doch eigentlich das Whale-Watching-Epizentrum Islands darstellt, den langen Weg bis nach Akureyri auf sich nehmen, um das Schauspiel hier nicht zu verpassen. Einmal werden drei der Schwarzhäuter in einem Umkreis von maximal drei Metern rund um unser Speedboat auftauchen, zu einem von ihnen direkt links von mir müsste ich nur zweimal mehr meinen Arm ausstrecken und könnte ‘ne Runde Arielle Spielen – oder eine unbeholfene Sebastian-Krabbe, wie man’s nimmt. Während wir uns noch die Schweißperlen abwedeln, da keiner der Obelixe der Meinung war, direkt unter uns nach Luft zu schnappen, steht Guillaumes Ekstato-Meter längst auf Tilt! Was ein cooler Typ! Und vergesst bitte diesen klischeehaften Walgesangs-Kram. Die grummeln – nicht Furcht einflößend, sondern in sich ruhend und zufrieden. Aber … sie … grummeln!

Walbeobachtung Akureyri
Auf Tuchfühlung mit den Buckligen

Kaleidoskopsdottir

Glücklich und selbstzufrieden mäandern wir bald durch die beschauliche Hafenstadt Akureyri zum Trinkets shoppen. Ein Glas Westfjordsalz für die Mutter, zwei leere 2 cl und 4 cl Shotgläser für die hauseigene White-Russian-Produktion – und mein Kühlschrank bekommt die ersten Magnete verpasst. Ein Kühlschrank mit Holzverkleidung, nebenbei bemerkt, nur fällt mir diese unendlich weise Erkenntnis freilich erst zurück in Leipzig wie Schuppen aus dem Schuppen. Da jedoch die Innenstadt Akureyris größenbedingt in noch viel wahnsinnigerer Geschwindigkeit abzulaufen ist als in Reykjavik, bleibt genügend Zeit, um in spießigster Freimütigkeit den heimischen botanischen Garten einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Jetzt ist es für eine solche Lokalität ja wenig unüblich, sich den floral untergebildeten 16-Bit-Sichtfenstern vorbei scharwenzelnder Biologen-Noobs in all seiner erdenklichen und unerdenklichen Farbenpracht zu präsentieren – Ich selbst habe von Kraut im Allgemeinen und buntem Kraut im Speziellen auch eher wenig Ahnung. Zu wissen allerdings, dass sich all diese hier bepflanzte, vielfältig-überbunt leuchtende Couleur an verschiedenen Orten der Insel wiederfinden lässt – denn genau das ist der Auftrag dieses botanischen Gartens in Akureyri –, rückt die Gewissheit des „alles gesehen habens“ in unterwürfige Sitzriesen-Position.

Jetzt gibt es selbstverständlich nur eine Sache, die noch atemberaubender ist als bunte Blumen, und das ist, wie jeder weiß: Torf! Akureyris Küstenidyll hinter uns lassend, berserkern wir alsbald die Tal- und Gebirgsketten der isländischen Nordküste herunter, um in Überschallgeschwindigkeit ins finstere Mittelalter zu teleporten und den von dichtestem Moos überwucherten Erdhügel-Hütten von Glaumbaer einen Kurzbesuch abzustatten. Ein vermeintlich im 11. Jahrhundert gegründetes Torfhof-Gelände, teils betretbar und mit Überresten kargen Interieurs weit vergangener Gezeiten bestückt – Während der weltmännisch-belesene deutsche Urlaubsdoktorand von heute natürlich sofort den Braten riecht und die offensichtlich germanische Herkunft der immergrünen Humus-Gemäuer erkennt. Das muss stimmen, schließlich sind wir hier ganz offenkundig in der Comfort-Zone des isländischen Teutonen-Tourismus gelandet. Vielleicht sollten wir doch langsam weiterziehen…

Botanischer Garten Akureyri
Akureyri, Botanischer Garten

Cat Content!

Per Bullroc sporadischem Starkregen trotzend weist uns bunte Beschilderung bald auf Vatnsnes als „Home of the seals“ hin. Der Miesepeter im Nachbarstuhl ist sich zwar sicher, dass die Seerobben da nicht einfach so vor Anker liegen werden – Ich weiß, dass er recht hat, aber er hat unrecht. So! Dennoch enttäuscht, dass dort vielmehr Touren zu dem Robbengebiet in den Westfjorden am anderen Ende des Ozeans angeboten werden, gehe ich leicht geknickt in Richtung… Katze!! Seit Tag 2 haben wir keinen dieser Fellklumpen mehr gesehen, also auf zum Floh-Shooting, naiv habe ich es doch erst gestern in mein Notizbuch reinorakelt – Zufall? Wohl kaum: Keine 10 Minuten sind wir im Trip-Advisor-approved Country-Hotel Hraunsnef mitten im Nirgendwo (aber mit Hot Tub!) eingekehrt, da erwartet uns erneut ein goldbraun-schnurrender dritter Mitbewohner mit Hang zur Selbstinszenierung und ohne Aufenthaltserlaubnis. Ein weiteres, nur vermeintlich schüchterneres Teppich-Knäuel gibt uns patrouillierend Geleitschutz, als wir von der Ringstraße aus unbedingt noch dieses imposant-rustikale Holztor des Hotels fotografieren müssen. Drei Mal Pelz an einem Abend? Ich frage mich, wie viel egozentrischen Selbstverbesserungs-Nonsens ich wohl noch in die verbliebenen Seiten meiner offenbar magisch geschulten Din-A6-Kladde gekritzelt bekomme.

Das letzte Abendmahl muss Legende werden, quer durch die Gourmet-Frischetheke sollen Scampis, Citrus-Lachs, kühl Gezapftes, lokales Lager und – Traditionen müssen gewahrt bleiben – White Russian mit läppischen hundert Scheinen am wehrlosen Budget nagen. Das ebenfalls letzte Entspannungs-Bad im beheizten Pool-Areal inmitten karger Gesteinswüste beruhigt mit „Hundreds“ im Ohr die geschundene Finanzkalkulatoren-Seele. Die Finger sind mittlerweile wund geschrieben, die denkwürdige Reise naht ihrem Ende, morgen wird es noch einmal in die Hauptstadt gehen.

Hraunsnef Country Hotel
Exclusive Cat Content @ Hraunsnef Country Hotel

2 thoughts on “Island Reisebericht – Tag 6 – Ritt der Wal-küren”

  1. Die Katze war aber auch echt der Brüller. 🙂
    Und: Ich sagte doch, das es im Home of the seals keine Seerobben gibt. Aber nein, der Herr muss ja unbedingt dahin (um ne Katze zu fotografieren). 😉

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