London Diary 2 – Elementary, my dear Watson

In unserer Traumapartments-Antithese stehen ein Bett, ein kleines Sofa, ein Tisch und ein Badezimmer-Kämmerchen mit Motte. Dazu eine Behelfsküche mit zwei Nudelsieben, aber ohne Bratpfanne, Spüllappen oder Geschirrtuch. Dazu ein Fenster, das nicht schließt, nur soll das lieber keiner wissen. Und nicht einmal einen Föhn gibt es. Ehrlich, jede noch so Zivilisations-ferne Familien-Herbergs-Klitsche auf Island hatte so ein Mobilgebläse im Grundinventar. Aber hier in der Weltstadt London bezahlt man jeden Quadratmeter Komfort offensichtlich noch per Blutzoll ab.

Ich will mich gar nicht über die Maßen beschweren, zumindest der Fernseher ist ja schon echt groß. Wird von uns aber nur benutzt, um Krach zu machen, damit man der jeweils besseren Hälfte nicht durch die halboffene Pseudo-Flügeltür zum Bad bei allen Bad-typischen Aktivitäten zuhören muss. Und wir sind ja auch nicht zum drögen Hotelzimmer-Sitting hergekommen, sondern zum Entdecken und Erobern – und müssen uns daher früher als gesund ist per Wecker aus unseren auf links gedrehten englischen Träumen zerren lassen. Der erste wichtige Termin wartet schließlich auf vieles, aber sicher nicht auf uns…

London
Piccadilly Circus

Piccadilly Circus. Das kennt man. Das ist das mit dem schwarzen Brunnen und der Eros-Statue und der Coca-Cola-Werbung auf gediegenen Schwarz-Weiß-Bildern jedes zweiten halb-stilvoll eingerichteten Klischee-Wohnheims. Und mit den roten Bussen als subtile Highlights, die hier tatsächlich überinflationär die Umwelt beduften und irgendwann den Krieg gegen sämtliche Radfahrer gewonnen zu haben scheinen. Als Pedaltreter müsste man es in der proppevollen Hektik aber auch auf ein allzu verfrühtes Treffen mit dem hauseigenen Erlöser direkt abgesehen haben.

Am Piccadilly Circus lernen wir dann auch schnell den Londoner Standard von „gestresst“ und „genervt“. Vielleicht ist es das Fehlen von kleinen Ruhepolen abseits der großen Parks im Gegensatz zu anderen Großstädten, aber die Londoner Full-Time-Bedienung kann recht schnell auf den unvorbereitet verdrehten Magen schlagen. Aber wir sind ja aus einem Grund hier, der sich „Sherlock Holmes Walk“ nennt – ein Sightseeing meets Drehorte zwischen Cumberbacth und Guy Ritchie meets Fanboyism-Befriedigung. Baustellen-übertönend und hoch energisch vorgetragen von einem Schwedenbecher mit Namen „Lotty“.

London
National Gallery

Bald wissen wir dann auch, wie Oscar Wilde und Arthur Conan Doyle zusammen passen. Spaten wie ich wissen dann auch, dass die eine Mastermind-Hälfte der BBC-Serie, Mark Gatiss, seit jeher den Mycroft mimt. Und andere können zur Krönung der Tour am authentischen Produktions-Hotspot fröhlich Obdachlose knipsen, aber da haben wir uns dann doch lieber vorsorglich weggedreht. Dennoch haben die 2 ½ Stunden viel Spaß gebracht, mit Insights und Trivia gefüttert und auf die nächsten Tage 8-Millionen-Menschen-Wahnsinn halbwegs adäquat vorbereitet.

London
Sherlock Holmes Pub

Und wenn man gerade so schön gesherlocked ist und überhaupt in Britannien, kann man nach kurzem Abstecher zum Starbucks-You-Are-Here-Coffee-Mug-Shoppen (Yaaay!) auch gleich in den Sherlock Holmes Pub am Trafalger Square essen gehen. Und es wird – bei aller Liebe zum Vorurteile pflegen – die Erste von vielen rundum glücklich machenden Fressgelegenheiten werden, Ein riesiger Fish-Brocken, die obligatorischen Chips, panierte Sardellen, Erbsenbrei und Tartaren-Sauce. Klingt seltsam, ist aber einfach grandios. Und mit dem ersten Brown Ale der Reise kommt der geneigte angelsächsiche Frischbier-Connoisseur ohnehin auf seine/ihre Kosten.

London
Fish & Chips ... well done

Jetzt sind wir ja eh schon im Zentrum aller Zentren, da kann der Großteil der handelsüblichen Touri-Runde gleich mit abgeklappert werden: House of Parliament, Westminster Abbey, St. James Park, Buckingham Palace. …Und ganz schnell am London Eye vorbei. Nicht dass ich bei aller latenten Höhenangst der seltsamen Konstruktionsweise von Riesenrädern grundsätzlich schon nicht trauen würde, aber 27 Pfund!? 27 Pfund!?!? Um sich mit 30 anderen fremden Leuten in eine viel zu enge Glasnussschale pressen zu lassen und einmal ‘ne Runde um den Block bzw. über die Dächer der Stadt zu rollen? Nein, die Höllenqualen überlasse ich freigeistigeren Menschen. Die spinnen, die Briten!

Bleibt am Ende des Tages noch ein kurzer Abstecher zum Borough Market, auf den es uns übermorgen zu einer Zeit zurück zieht, zu der nicht schon alles abgebaut wird. Markt eben, und zwar ein richtiger. Der auch jetzt schon hübsch anzusehen ist und den Geldbeutel pro forma in große Grabeslaune versetzt. Aber ich greife vor… Über die Tower Bridge geht es an den Kronjuwelen der Queen vorbei zu einer weiteren ur-englischen Tradition: Ins Kino pilgern und amerikanische Filme schauen. In diesem Fall: Deadpool 2! Und mag der Überraschungseffekt des Erstlings auch verflogen sein, die Gagdichte ist allemal höher, die Nebenfiguren skurriler und die X-Force im Allgemeinen himmelschreiend umschlagbar.

'Ne Brücke...

Interessanter ist aber das Franchise-Kino unserer Wahl, das Curzon – und das brauchen wir dringend auch bei uns, verdammt! Da gibt es Sofas statt Kinosessel, gemütliche Fußstützen, Tische zur Getränkablage, eine angeschlossene Bar, in der man sich ganze Pizzen zum Verputzen bestellen und mit rein nehmen kann – Und per Membership gibt es noch jeden Monat zehn aktuelle Filme für lau als Heimkino-Stream oben drauf. Well played! …Ach ja, ein Blick auf die Fitness-App offenbart irgendwas um die 23.000 Schritte, was so zum Auftakt beileibe nicht geplant war, die kommenden Tage aber noch locker in die dunkle Tasche manövriert wird. Zum Glück wissen wir das aber noch nicht…

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