Run, Blogger, Run – oder: Von der Bittersüße freiwilliger Selbstgeißelung

Etwaige Übertreibungen in dem folgenden Text sind ausnahmslos als schändlich und widernatürlich zu betrachten und umgehend dem nächstzuständigen Oberforstrat zu melden!

Joggen

Wunschtraum

Die Motivation des Motivators

Zu Hause, endlich! Jetzt bloß nicht schwach werden. Nein, Couch, böse Couch! Starr‘ mich nicht so lumpig von der Seite an. Ich kenn‘ das doch, hast du mich einmal eingekesselt, lässt du mich nicht mehr gehen. Als ob ich von deiner teuflischen Verschwörung mit dem Sony-LCD und der XBOX nicht Wind bekommen hätte. Und du, Kühlschrank, du bist mal ganz still in deiner Ecke. Klappe halten, Tür zu. …Nein, ich will auch kein Bier. Nein, wirklich nicht … nein … also nicht jetzt. Verwirr‘ mich nicht, du diabolisches Machwerk moderner Futtermittelkühlschreinerei. Alle ruhig jetzt! Ich bin zu Höherem berufen, der erfüllendsten Freizeitbeschäftigung jeder gesunden Menschenseele: Sportlicher Ertüchtigung! Noch erfüllender als Couch … und zocken … und Bier …Oh, ihr Dämonen, kein Wort mehr!

Laufsachen, gewaschen und abgehangen: Check! Laufschuhe, durchgelatscht und von erdrückend dreckelnder Crustyness gezeichnet: Check! Außerdem dürfen die so aussehen wie sie aussehen, das sagt nur, dass man es schon immer ernst gemeint hat. Wetter, gegen Gefrierpunkt: Check! Dieses Wetter soll sich mal warm anziehen, soll es mal. Motivation: …Hmm … nja … ach, furz‘ der Hund drauf, Augen zu und durch. Dann kann man danach auch so schön stolz behaupten, dass man wieder joggen war. Bei Temperaturen, die den Handshake mit jeder amtlichen Lungenentzündung frei Haus üben. Bei Lichtverhältnissen, die jedem Stadionflutlicht die Leichenblässe in die Neonbirnen treiben. Und bei einer Bodenkonsistenz, die den Vergleich zu herbstlichem Dauerstarkregen in modrigen Schützengräben beim deutsch-französischen Stellungskrieg nicht scheuen braucht.

Asthma-Spray eingepackt, um nochmal klar zu stellen, wie clever das ist, was man in der nächsten guten halben Stunde machen muss (will). Spotify ins Ohr, dann kann man wenigstens so tun, als würde man gerade eigentlich irgendwo auf Konzert sein und abgesehen von einigen spastischen Arm- und Fußfuchteleien vor allem eines machen: Stehen und sich wenig anstrengen. Also: Sport frei!

Im (Seiten-)Stechschritt, Marsch!

Joggen

Realität

Die ersten 10 Minuten kann man sich jetzt fragen, warum das eigentlich „Sport frei“ heißt, wer das wann erfunden hat und warum das wie „Sieg heil“ klingt und ob man die momentane Prozedur dann nicht lieber ganz sein lassen sollte, weil man dann ja auch gleich AfD wählen könnte. Aber nein, man fängt so ein Joggen ja schließlich an, um es erst in weit entfernter Zukunft wieder zu beenden, wofür man sich dann schon ein wenig hassen darf. Überhaupt sind diese ersten 10 Minuten die schönsten: Das sind die, in denen immer wieder dieselbe Frage längs und quer und überkreuz durch den Hutständer zirkelt, nämlich ob man noch ganz bei Trost ist, ob man das jemals war oder wann man damit aufgehört hat. Es sind auch die Minuten, in denen man gerne daran zweifeln kann, ob man das mit der Grobmotorik je wirklich gelernt oder vielleicht irgendwo zwischen Couch und Bier … mmmhhh…Bier … wieder vergessen hat. Und parallel dazu auch die Minuten, in denen man inständig den virtuellen Rosenkranz betet, dass nicht zu viele andere Homo Sapientia der eigenen Lächerlichwerdung beiwohnen.

Darum – und nur darum – rennt man ja auch zielstrebig in das nächstgelegene, öffentlichkeitsferne Park-Areal. Weshalb sollte man auch sonst freiwillig mitten in stockfinstere, stockmatschige Gegenden traben, in denen des Nachts zu viele böse Menschen und böse Wildschweine und böse Wildschweinmenschen auf frisches Jogger-Blogger-Fleisch lauern? Außerdem trennt sich hier bald auch die Gerste vom Hopfen: Wenn man per Wadenkrampf und / oder Seitenstechen zart darauf hingeknüppelt wird, wieder einer sehr dummen Idee erlegen zu sein, ist man maximalst entfernt von den geliebten heimatlichen Kühl- und Entschleunigungs-Möbelitäten. Entwickelt man aber den sagenumwobenen, von altphrygischen Pergament-Prophezeiungen verkündeten ‚Spaß am Laufen‘, ist man plötzlich mehr König der eigenen kleinen Welt als es DiCaprio je sein könnte, verstaut man jeden Iron Man mit noch viel stählerner Miene in der taschenarmen Trainingshose und wäre der nächste Marathon nichts mehr als eine bedauernswerte Fußnote, gäbe es nur nicht diese unverschämt horrende Antrittsgebühr.

Dieses Vielfliegergefühl bleibt dann geschätzt weitere 20 Minuten, dann will man ganz gerne schlafen, weil zum Schaukeln die Kraft nicht mehr reicht. Wenn man jetzt das große Glück hat, wie Meinereiner in der Leipziger Plagwitz-Gegend um den ‚Adler‘ zu tagen und zu nächtigen, hat das den entscheidenden Vorteil, dass es die letzten paar hundert Meter grundsätzlich bergauf geht, egal aus welcher Himmelsrichtung man als Dampf gewordene Lokomotive Mensch herangepoltert kommt. Man möchte am liebsten abrupt stehen bleiben und genießen, sollte man je wieder zum Atmen in der Lage sein. Aber hat man sich die Unterlippe erst einmal passgenau auf Kieferform zurechtgebissen, können die letzten Fußlängen, Inches, Ellen und Speichen auch nur noch bedingt schocken. Man ist schließlich nicht aus Kruppstahl, sondern aus Watte, oder mindestens ebenso federleicht, flauschig und widerstandsfähig.

Und wenn man dann noch die Smartphone-Fitness-App aus seiner Orkan- und Tsunami-geschützten Trockenzelle hervorkramt, um zu prüfen, wie supertoll oder superscheiße man denn heute war, steht man längst vor der Haustür und könnte glatt noch ein paar Runden weiter laufen. Zumindest flunkert man sich das vor, was man ungestraft machen darf, man ist schließlich schon da, alles ist vorbei und man kann sich ja viel erzählen. Bleibt nur noch die Königsdisziplin: Frohen Mutes engagiertes Treppauf-Joggen. Es geht doch nichts über so eine Dachwohnung, denkt man sich in etwa zu gleichen Teilen zu “Sach ma‘, Alter, wie lebensfern bist du eigentlich!?“

The Great Khal(or)i(e)

Zukunft

Und weil die eigenen Masochismus-Grenzen noch nicht überdehnt genug sind oder man für sich selbst kein Codewort (“Philadelphia”!) vereinbart hat, meint man auch noch, das Ganze morgen doch wiederholen zu können, oder zumindest an 2-3 Abenden der Woche seinen faulen Bratarsch in handfeste Wackelposition zu begeben. Irgendwann gibt es schließlich nicht einmal mehr den Muskelkater, der einem argumentativ und rhetorisch gewieft zu verstehen gibt, was gut für einen ist. Und an irgendeinem Punkt möchte man auch auf die Waage steigen können, ohne danach mit ihr schimpfen zu müssen. Und dann sind ja da auch noch Couch, Bier, Fressen, Chips und Schoki, die jeden staatlich subventionierten Kalorienzähler in den feist grinsenden Freitod treiben.

Außerdem wird man so lange nicht jünger, bis die Pharmaindustrie ein adäquates Gegenmittelchen für Kassenpatienten erfunden hat. Und da man bei einem sonst eher grenzwertigen Lifestyle nicht den Löffel reichen will, bevor Tool ihr neues Album rausbringen oder sämtliche Game-of-Thrones-Spin-Offs durch sind oder RB Meister geworden ist oder es keine Große Koalition mehr gibt oder sich Dr. Trump und Kim Jong-un endlich ein gemeinsames Zimmer zum Knöpfchen drücken gemietet haben, rennt man halt los, egal wer einen dafür unter stationäre Beobachtung stellen will.

Die Alternativen sind schließlich noch gruseliger: Sitzen und Abwarten zum Beispiel. Ist zumindest bequem und entbehrt nicht eines gewissen Nervenkitzels, lässt aber zu viel Raum für gefährliches Denken und ungesundes ‚sich in Frage stellen‘. Fitnessstudio? Um sich unter fragwürdigem „No pain no gain“-Dogma optisch auf Men’s-Health-Titelstory-Format hochzuzüchten, aber beim nächsten Umzug nicht einmal eine Stunde Stufen rauf und runter zu packen, weil bei aller Bi- und Trizeps-Optimierung die Kondition im Eimer ist? Oder den halben Tag Fahrrad fahren, um zu einem annehmbaren Ergebnis zu gelangen und sich dabei noch die letzte gute Jeans am ergodynamischen Gel-Sattel durchzuscheuern?

No, Signore i Signori, dann lieber alle Nase lang für eine halbe Stunde Daumen und Herzkatheter drücken, so ein wenig Spaß macht es ja auch, wenn man ganz ehrlich ist. Und das muss es auch: Man geht als Veganer ja auch nicht wochenlang zu McDonalds, um zu schauen, ob es nicht doch schmeckt. (Was nicht heißt, dass irgendeine mental halbwegs genesene Person überhaupt zu McDonalds gehen sollte…). Als Antifa-Ultra nimmt man auch nicht an jeder NPD-Kundgebung teil, um zu sehen, ob die Faschos nicht vielleicht doch recht(s) haben. Überhaupt muss man sich beim Joggen kein großes Ziel setzen außer einfach machen. Man soll schließlich nicht am nächstbesten 10-Kilometer-Lauf der Stadt teilnehmen, der … Gibt’s das hier? … Wann wäre denn da mal sowas? … Ist das teuer? …Was kriegt man denn da so? …Ich geh‘ mal noch ‘ne kurze Runde drehen. Tschühüss!

4 thoughts on “Run, Blogger, Run – oder: Von der Bittersüße freiwilliger Selbstgeißelung”

  1. Pssst.. das hat dir der Kühlschrank-Teufel gesagt. …Prost! Aber ja, da gab bzw. gibt es immer noch einen Plan. Und Bier und Laufen müssen sich nicht ausschließen, eher bedingt das Eine (Bier) das Andere (Spooorhat), um die Lebens- und Verkürzungswaage hilflos in Balance zu halten…

  2. Lauf Forest Whitaker lauf! Da muss JIm jarmusch nur noch einen Film machen und es wird zur Kultur. Gar nicht so schwer sag ich mal. Kamera läuft sowieso und der Abspann auch. Müssen die Leute nur noch ins Kino rennen. Da geht so einiges. Nur auf Standbilder sollte man verzichten sonst verläuft das ganze im irgendwo.

    Das war für Jogger-Blogger.

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