Timothy Timothy: Falling Cove 1 – Die Verlorenen der Erinnerung

Bei der nachfolgenden Geschichte handelt es sich um einen Erstentwurf, der sich im Moment bei dem Autor in Überarbeitung befindet. Die finale Fassung wird an dieser Stelle gesondert besprochen. Über den untenstehenden Link zur Website von „Falling Cove“ kann man über den Entstehungsprozess auf dem Laufenden bleiben.

Timothy Timothy: Falling Cove 1 - Die Verlorenen der Erinnerung

Kurzgeschichte / Kinderbuch -- Fantasy

2018

Falling Cove

Kinderbücher dürfen vieles, wenn man sie nur lässt. In jedem Fall dürfen sie mehr als Zauberlehrlinge und Kriegerkatzen. Sie dürfen ihr junges Publikum wie Erwachsene ansprechen und hin und wieder auch herausfordern. Pixar macht seit Jahren vor, wie das zu funktionieren hat. Und so darf in einem Kinderbuch der Erzähler dann auch hier und da die vierte Wand durchbrechen und aus der Ich-Perspektive kleine Anekdoten und Trivia zum Besten geben. Er darf mit augenzwinkerndem Humor um die Ecke lugen, der sich sonst an eine eher ältere Zielgruppe richtet. Er darf sich bei seiner Erzählung geradezu zwangsläufig auf die Zufälligkeit der Ereignisse berufen, ohne die das Erzählte sonst nicht existieren könnte. Und er darf vermeintlich problembeladene Themen wie gleichgeschichtliche Ehe genauso unaufgeregt und natürlich einfließen lassen, wie das solch eine Selbstverständlichkeit eben tun sollte.

So geschehen in der kurzen Geschichte eines Autoren mit Alias Timothy Timothy, die als erster Band „Die Verlorenen der Erinnerung“ in das Leben im ungewöhnlichen Städtchen Falling Cove eintaucht. Dreh- und Angelpunkt der Handlung sind das örtliche Waisenhaus und das dort lebende Geschwisterpärchen James (dessen Sicht gefolgt wird) und seine schweigsame Schwester Be. Weitere viel verschrobenere Figuren wie die geisterhafte Elsa und der Pseudo-Niederländer-Junge Antje werden zu Beginn des Buches als wichtig herausgestellt, nur um dann selten aufzutreten. Das mag der größer angelegten Geschichte geschuldet sein, die an dieser Stelle nur angerissen wird, kann bei Berücksichtigung des Autors aber genauso gut eine alberne Finte sein.

Alles beginnt mit einem Bild in der Eingangshalle des Waisenhauses und vielen verdutzten Kindergesichtern: Ein Bild, das vielleicht schon immer da war, an das sich nur niemand erinnern kann. Besonders James ist von dem unbestimmten Gefühl geplagt, das etwas gewaltig im Argen liegt, ohne dieses Gefühl näher definieren zu können. Bald aber häufen sich die seltsamen Ereignisse: Leute scheinen nicht nur zu verschwinden, sondern werden schlicht vergessen. Edward, ein guter Freund von James, erinnert sich nicht mehr an die eigene Schwester. Die Umgebung von Falling Cove verändert sich schleichend, aber spürbar. An die Direktorin des Waisenhauses denkt gleich gar niemand mehr. Und auch der Professor, der im Labor des Gebäudes lebt und arbeitet und Licht in die finsteren Seltsamkeiten bringen könnte, scheint wie vom Erdboden verschluckt.

Über weite Teile der Erzählung ist dieser Ansatz des unerklärlichen Vergessens ungemein motivierend und fesselnd gezeichnet, kleine Nebenhandlungen füttern effektiv das Mysterium: Da beobachtet ein einsamer Wanderer, wie ein Anderer unaufhörlich im Treibsand versinkt – Eine augenfällige, aber schöne Metapher. Da sammeln sich all die vergessenen Kinder und Erwachsenen an einem unbekannten Ort ohne Licht und Wärme und kämpfen um ihr Überleben. Eine augenscheinlich zweite Be überrumpelt ihren Bruder des Nachts auf der Flucht vor Verfolgern und eröffnet ihm die Existenz einer noch viel mysteriöseren „Zone“. Und selbst der T-Rex, der für einen kurzen Augenblick wie aus einer anderen Dimension gepurzelt vorbei schaut, fügt sich in dieses Panoptikum des Fantastischen noch halbwegs stimmig ein.

Spoiler-Warnung!

Leider verzettelt sich Timothy Timothy auf der Zielgeraden in einer sattsam bekannten Zeitreise-Story, die im Wesentlichen zwei Probleme mit sich bringt: Zum einen birgt diese Prämisse immer die Gefahr, dass der Leser den unausweichlichen Hakenschlägen des Plots nicht mehr folgen kann. Zum anderen bietet das Thema Zeitreise zwar viel Raum für die buntesten Einfälle, ist narrativ aber schwer zu kontrollieren und schickt innere Logik und Kohärenz schnell aufs Abstellgleis. Die letzten Kapitel erinnern an das Dilemma von Fahrenheit, dem damaligen Videospiel der Heavy Rain-Schöpfer Quantic Dream, welches über lange Zeit Erwartungen hoch halten und in einem allzu konfusen Finish nicht einlösen konnte.

Spoiler Ende

Den Spaß an „Falling Cove 1: Die Verlorenen der Erinnerung“ beeinträchtigt diese leichte Ziellosigkeit aber nur selten, zu süffisant und kreativ lässt der Autor seinem Ideenreichtum freien Lauf. Erwachsene können mit dem eigenwillig-lockeren Schreibstil ebenso abgeholt werden wie Kinder und Jugendliche, denen man den Blick über den Tellerrand immer zutrauen sollte. Nicht zuletzt befindet sich die – wohlgemerkt noch unveröffentlichte – Geschichte ohnehin in Überarbeitung, womit das letzte Wort noch längst nicht gesprochen ist. Und das ist auch gut so: Denn das Fundament des Verschwindens und Vergessens ist nicht nur an sich spannend, sondern gewinnt gerade durch die viele Fährten auslegende Erzählung an zusätzlicher Spannung – und verdient eine angemessene Fortführung.

Falling Cove - Website

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