Baby Driver (Review/Film)

Baby Driver

Action-Komödie / Musical

27.07.2017 -- 113 min

R:
Edgar Wright

D:
Ansel Elgort, Lily James, Kevin Spacey, Jamie Foxx, Jon Hamm

Play it again, Baby!

Als wäre die Geschichte nicht schon tausendfach auserzählt: Junge trifft Mädchen. Junge verliebt sich. Doch böse Mächte gönnen das junge Glück nicht, müssen überwunden werden, damit Romeo und Julia gemeinsam den Sonnenuntergang sehen können. Aber es ist ja auch süß, das zarte Traumpärchen in spe. Sie, die Kellnerin Debora (Lily James), die im Vorbeigehen Babys Namen summt, auch wenn sie eigentlich den Song von Carla Thomas meint. Viel lieber hätte sie sowieso ihre eigenen Lieder, doch Becks „Debra“ wird nicht nur anders geschrieben, sondern handelt auch mehr von deren Schwester Jenny. Zum Glück kann Er, B-A-B-Y – „Baby“, mit „Debora“ von T-Rex kontern.

Ein wenig autistisch mutet er ja schon an, dieser wortkarge, sonnenbebrillte Jüngling, dem Shooting Star Ansel Elgort, gerade noch zu Tränen rührend in ‚The Fault In Our Stars“, seine charismatisch-unschuldige Aura verleiht. Und doch weiß der Zuschauer in Sekunden, wer sich da gerade getroffen hat, nicht mehr die Augen voneinander lassen kann. Sie, die einfach nur weg will, mit „einem Auto, das sie sich nicht leisten kann und einem Plan, den sie nicht hat“, Hauptsache, die Musik stimmt. Welch Zufall, dass die gerade auf diesen geheimnisvollen Fremden trifft, der seit einem Unfall in seiner Kindheit den Tinnitus durch andauernde Kopfhörerbeschallung bekämpft, mit einem auf mehrere iPods je nach Stimmung verteiltem Potpourri aus Evergreens vergessener Jahrzehnte. Und welch noch größerer Zufall, denn fahren tut er ja auch. Als Chauffeur, wie sie annimmt. Dass er dabei keine reichen Schnösel herumkutschiert, sondern höchstens deren Geld, mit reichlich Waffenarsenal als Argumentationshilfe beschafft durch seine halbseidenen Ganovenkomplizen, während er selbst hinterm Steuer auf seine große Show als abgebrühtester Untergrundfahrer Atlantas wartet… Geschenkt. Vorerst!

Denn wo die ständig wechselnde Crew – diesmal versammelt um den grobschlächtigen Eisenbeißer Griff (Jon Bernthal mit sichtlich Spaß an seiner Abziehbild-Bad-Guy-Rolle) – noch im Innern der Bank die Kollekte einfährt, hat Baby schon den passenden Sound aufgelegt: Bedächtiges Fingerklimpern auf der Armatur, die Scheibenwischer wippen freudig mit, der Fahrer bringt sich Acapella in Stimmung – „Bellbottoms“ von der Jon Spencer Blues Explosion dreht auf, eskaliert und Baby drückt das Gaspedal seines Subaru WRX auf Anschlag. In der wilden Verfolgungsjagd durch die Großstadtschluchten, der Eröffnungssequenz von „Baby Driver“, wird die stilistische Konstante in Edgar Wrights neuestem Film in Stein gemeißelt: Musik ist hier kein schmückendes Beiwerk, sie gibt den Takt vor, ist immer präsent, bringt die Figuren in Fahrt, lenkt die punktgenau geschnittenen und einen unwiderstehlichen Sog entwickelnden Actioneinlagen genau wie die ruhigen Momente. Selbst das Kaffee holen nach getanem Job zu den Klängen von „Harlem Shuffle“ wird hier zur perfekt einstudierten Choreographie, jede Einstellung ordnet sich dem allmächtigen Soundtrack-Konzept von Wright unter.

Die Idee dazu hatte der Regisseur bereits in den 90ern, die erste Fingerübung folgte 2003 mit dem Musikvideo zu Mint Royales „Blue Song“ – Vollendung findet sie nun in dieser völlig überdrehten Heist-Car-Chase-Musical-Romanze, die in ihren einleitenden Szenen noch an die luftige Lockerheit eines „LaLaLand“ erinnert, sich mit ihrer grimmigen Thriller-Substanz aber bald zwischen „Bullitt“ und „True Romance“, garniert mit Wrights eigener „Hot Fuzz“-Stakkato-Ästhetik und „Scott Pilgrim“-Naivität, neben reihenweise Verweisen auf das Action-Genrekino der 80er-Jahre pudelwohl fühlt. Die Inszenierung ist unverschämt cool, die Farben sind kräftig bis surreal, die Charaktere archetypisch, die One-Liner zackig und die Gewalt überzogen. Wie in den meisten seiner Filme nimmt Edgar Wright Versatzstücke bekannter Genres und schreibt sie um für den maximalen Spaß an der Sache (der Independent hat dafür den Begriff „Jukebox Filmmaking“ parat), bei der eine packende Handlung auch mal auf der verbrannten Strecke zurück bleiben und die Bühne für ein bestens aufgelegtes Darsteller-Ensemble freigeben darf.

Ansel Elgort und Jon Hamm in "Baby Driver"

In Rückblenden erfährt der Zuschauer, dass Baby bei dem damaligen Unfall sowohl den Vater als auch seine geliebte Mutter verloren hat. Die so entstandene Zwangsliebe zur Musik, mit der er sein Leiden unterdrückt, hilft ihm auch, die Erinnerungen an das Geschehene zu sedieren. Der Liebe zu schnellen gestohlenen Boliden tat das jedenfalls keinen Abbruch. Schon bald wird sich Baby – der natürlich ganz anders heißt – an dem falschen Wagen vergreifen und so auf lange Zeit bei „Doc“ als Fahrer in der Schuld stehen, einem Mittelklasse-Kingpin, der von Kevin Spacey genüsslich zwischen Vaterfigur und gewissenlosem Gangster karikiert wird.

Doch jetzt scheint ihn nur noch ein Auftrag von seiner Freiheit zu trennen, schon bald wird er aussteigen und mit seiner Debora nach Westen ins Ungewisse rasen können. Zumindest wenn der Boss sein bestes Ass im Ärmel so einfach ziehen lasst und sich die für diesen letzten Job zusammen getrommelten finsteren Gestalten nicht an seiner dauerrelaxten, vermeintlichen Geistesabwesenheit aufreiben. Angesichts des soziopathischen Bonnie-und-Clyde-Duos Darling (Eiza González) und Buddy („Mad Men“ Jon Hamm, bedenklich kurzluntig) sowie dem schießwütig-anarchischen Bats (Jamie Foxx: „I’m the one that’s got the mental problems in the crew. Position taken!“) schlechte Chancen für Baby, für seine Liebste und vielleicht sogar für den taubstummen Ziehvater Joseph (CJ Jones), dem er Zeichensprache und Lippenlesen für das Ausleben seiner trügerisch stillen Gelassenheit verdankt.

Nennenswerte Haken wird der Plot genauso wenig schlagen wie versuchen, die angesichts der Achterbahn-Regie auftretenden Logiklöcher zu füllen oder Deboras allzu freimütiges Hinnehmen von Babys unkonventionellen Nachtschichten zu erklären. Rudimentäre Handlung und Figurenzeichnung verhindern neben mitunter platten Dialogen und der vehementen Style-over-Substance-Form, dass „Baby Driver“ zum Meisterwerk wird. Potential zum Kult hat er aber genauso sicher wie den Titel des in seiner virtuosen Eleganz zwingendsten Räuberstücks des Kinojahres. Der Film ist über sein Musik-Diktat derart mit kreativen Ideen vollgestopft, dass die 113 Minuten den Zuschauer kurzweilig bestens unterhalten und mit breitestem Grinsen aus dem Saal entlassen.

Egal, ob Baby die Flucht verzögert, weil er nervös zum richtigen Einsatz von Golden Earrings „Radar Love“ shuffelt, ob sich eine Waffenübergabe zu „Tequila“ in ein perfekt auf das Schlagzeug getimtes Bleiballett verwandelt, das halbstündige Hochgeschwindigkeits-Finale von Queens „Brighton Rock“ veredelt wird – oder sich „Easy“ von den Commodores, der Fixpunkt zu Babys Mutter, als emotionales Kernstück heraus kristallisiert: Immer trifft Edgar Wright den genau richtigen Ton, um für sein Publikum einen endlosen Bilderrausch zu inszenieren, bei dem weder humoristische Situationen (Stichwort: Michael Myers) noch romantische Ruhepole dank des perfekten Zusammenspiels der Hauptdarsteller James und Elgort zu kurz kommen. Besonders Ansel Elgort vereint genug „Baby“-face-Unbeflecktheit mit rauem Charme, um seinen comichaften Driver glaubwürdig zu erden. Und einem Hochglanz-Action-B-Movie, das sich mit Ryan Heffington einen eigenen Choreographen im Cast leistet, kann zu seinen offensichtlich lockeren Radmuttern nur gratuliert werden. Play it again, Baby!

Bewertung 5.0

Baby Driver - Trailer (Official)

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