Der Schreibtisch 01-2018 – VW-Affenprüfer, das GROße KOtzen und „typisch ostdeutsche Freundlichkeit“

…Und jetzt aber, bevor so ein Jahr gleich wieder rum ist. Startschuss für die Wochenkolumne 2018! Wieder rein finden und vorgeben, sich für Dinge jenseits des eigenen Tellerrands zu interessieren. Dabei hängt das ‘Erlebnis‘ von Tommy Wiseaus „The Room“ noch immer in den Knochen. Aber muss ja. Und Leute und Gesellschaft und Welt sind ja schließlich immer. Irgendwie. Teilweise mit Dingen, die schon lange keinen mehr interessieren und tief in die narkoleptische Gefahrenzone drücken. Teilweise mit ganz persönlichen Aufregern. Und natürlich mit dem großen Ganzen! …Nein, nicht die Tatsache, dass deutsche Panzer die Freiheit der Türken in Nahost verteidigen. Wobei auch das eine Sache für gepflegtes ‘Zunge zergehen lassen‘ wäre. Nein, viel einfacher, greifbarer. Wo sich die allgemeine Hysterie doch immer so simpel einfangen lässt…

Das erste offiziell prädikatierte VW-Affen-Prüflabor

VW

Schämt euch alle! Jeder, der einen VW Polo, Golf, Touareg oder Ähnliches fährt. Böse! Böse wart ihr. Wie könnt ihr nur ruhig daneben sitzen, während euer Lieblings-Automobilriese Crash Tests mit Pandababys durchführt. Moment… Nee, das kam vom Postillon. Aber ganz ehrlich: So ganz unvorstellbar ist es tatsächlich nicht, und das macht die Sache bitterer als man das gerne haben möchte.

Da werden also in einer „unwahrscheinlich wissenschaftlichen Versuchsanordnung“ wahllos zusammengetriebene Affen ein paar Stunden vor den Auspuff geschnallt, um unwiderlegbar zu beweisen, dass Abgase nicht töten. Und dann noch ein paar Personen – wahrscheinlich verarmte Studenten, die zur Blutplasma-Spende nicht zugelassen wurden – als stichhaltige Plausibilitätsprüfung hinzugezogen. Während man ein deutsches Institut beauftragt, die Drecksarbeit aber in die Staaten auslagern lässt. Nur um dann wieder mit pseudo-offiziellen Ergebnissen meilenweit an den Abgasnormen vorbei zu kurven und die eigenen Prämien ins Trockene endlagern zu können. Das muss man erst einmal bringen.

Man soll ja um Himmels Willen niemals die RTL-Klitsche n-TV sehen, hören oder lesen müssen. Aber der Vergleich, eine Gruppe Leute drei Stunden Kette rauchen zu lassen, um durch ihr nicht sofortiges Ableben klarzustellen, dass Zigaretten nicht die Gesundheit schädigen, trifft den Nagel auf den unethischen Lobbyisten-Kopf. Apropos: Das Bauernopfer war natürlich schnell gefunden. Nein, nicht VW-Konzernchef Müller, ein so aufrechter Macher kann davon unmöglich gewusst haben. Und seine schärfste Verurteilung der Misere klingt ja auch so schön glaubwürdig.

Nein, Thomas Steg heißt der Mann, der die volle Verantwortung übernimmt. Sicher nicht ungern, denn Konsequenzen braucht er standesgemäß nicht fürchten, und das eigene Kopfkissen konnte sowieso wieder ein paar Bündel dreckige Geldscheine verkraften. (Erinnert sich eigentlich noch jemand an den Glyphosat-Ja-Sager Schmidt?) Dieser Steg war vor ein paar Jahren übrigens noch stellvertretender Regierungssprecher und Teil des Wahlkampf-Teams Steinmeier. Hach ja, die Sozen, hauptberuflich Sündenbock und aufrechtes gutes Bürgergewissen auf Langzeit-Praktikum. Womit wir beim Thema wären…

Das GROße KOtzen

Verbarrikadiert Türen, Fenster und Hundeklappen, bringt Kinder und Zimmerpflanzen in Sicherheit und schließt Muskeln und Ohrmuscheln. Es wird wieder wehleidig. Auf Basisabstimmung 1 vor vier Jahren folgt Basisabstimmung 2, um gestalterisch und selbstbestimmt herauszufinden, was eh jeder wusste. Das gefällt vielen nicht, sie treten in Scharen der SPD bei, die mimt den Spielverderber. Business as usual. Jetzt wird debattiert, wieder und immer noch, dann wieder Abstimmung… Man kann und will es nicht mehr hören.

Und das ist auch das eigentlich Schlimme: Wer am Ende mit wem shakert, wer welchen Posten quadratisch breit sitzt, was wieder für Versprechungen (bspw. die Bildungsmilliarden-Offensive-Task-Force) gemacht werden – das war wohl noch nie so vielen Menschen so egal wie gerade jetzt. Entpolitisierung durch Stuhltanz mit zu vielen Stühlen, Respekt! Dazu kommt ……. Boah! ……..Nee! Es geht nicht mehr, ist einfach zu einschläfernd. Und eigentlich wurde auf dieser Plattform schon alles gesagt. Wen es interessiert, das ganze Debakel ist nur einen Klick entfernt:

Darf ich bitte gleich zu den ganz privaten Skandälchen übergehen? Die sind wenigstens ein bisschen spannend und entlocken die ein oder andere Gefühlsregung. Danke!

Die „typisch ostdeutsche Freundlichkeit“

Donnerstag, 7:15 Uhr morgens. Ein übermüdeter (und latent genervter, weil Werktag 4) Blogger versucht es sich in der Tag für Tag überfüllteren Zweite-Klasse-Regionalbahn-Hölle bequem zu machen. Mit Kaffee, Buch und Musik. Da! Ein Viererplatz mit Tisch, an dem bisher nur eine Frau sitzt. Die nimmt angesichts der Menschenmassen schon pro forma ihren Rucksack vom Nachbarsitz, ich krame noch nach meiner McCarthy-Lektüre. Plötzlich: Menschen, zwei an der Zahl. Eine Fairtrade-Bio-Mutti und eine Anfang 50er Cruella De Vil-Schrapnelle fragen nach Platz nehmen. Mein Gegenüber nickt, ich murmele „…Joar!“, da parkt Tussnelda schon ihr Zeug, während ich meine Tasche noch nicht einmal verstauen konnte. „Kurzen Moment!“, grummele ich vor mich hin. Aber egal: Kaffee, Kettcar, Roman aufgeklappt.

Irgendwann gestikuliert es neben mir… Ich also Stöpsel aus den Ohren, „…Ja?“. ….“Brauchen Sie den Tisch?“ Sprich: Aufstehen, Plätze tauschen. Morgens, viertel nach 7. Ich ein gebeutelter Berufspendler. Und die kommen 2 Minuten vor der Angst… Ich schaue auf Schal, Handschuhe und Radcomputer. Gut, lässt sich alles freiräumen. Dann auf Buch und Kaffee, was feinmotorisch schon herausfordernder wird. „Nö, nicht komplett“, meine ich, in der Hoffnung, es käme ein „Danke“ oder „Wir kriegen das schon hin“. Fehlanzeige! …“Ja, ich könnte den Tisch brauchen“, spitzelt es und fuchtelt mit ihrer Laptoptasche. Nicht dein Ernst, denke ich mir, aber was soll’s. „Okay“, sage ich, schüttele kurz mit dem Kopf und erhebe meinen faulen Arsch.

Ich stehe gerade so halb, will rüber rutschen, da faucht Brunhilde ihre Kommilitonin an: „Ja, das ist die typisch ostdeutsche Freundlichkeit.“ Ich blicke Magda Goebbels entgeistert an. „…Boah, für den Satz…“ und platze mich wieder, um nicht zu platzen. „Ja, das haben wir hier erlebt“ setzt sie noch nach. Und was macht die? Laptop auf den Schoß und Emails checken. Eine handvoll Namen auf Papier kritzeln. Elementar lebenswichtig, klar! Ich spicke ein wenig, lese irgendwas von „Bund“ und „Kernmeeting“. Oha, ein wahrlich hohes Tier, sorry für’s ‘nicht Füße küssen‘. Aber ich sage nichts mehr, lese meinen Lieblingsautor, genieße meinen Kaffee. Und Kettcar spielen „Sommer ‘89“. Wie passend, schmunzele ich.

Nur, was ist das Interessante an der Situation? Warum beschäftigt mich das noch? Vielleicht, weil ich seit Jahren das erste Mal wieder so etwas wie „selbstherrlicher Scheiß-Wessie“ gedacht habe. Weil hier im Kleinen und mit ein paar miesen Worten Rollenklischees bedient werden, über die wir langsam aber sicher drüber springen. Zumindest die Jüngeren, bei ihrem Fregatten-Alter ist wohl alles verloren. Aber man ist es einfach nicht mehr gewohnt, sich so abschätzig schubladisieren zu lassen, einem Gegenüber zu begegnen, das schon vor dem ersten Kontakt eine feste Meinung von der eigenen Person hat. Und überhaupt trotz relativer Akzentfreiheit sofort weiß, dass ich Ossi sein muss, weil ich ja in Leipzig eingestiegen bin – genau wie sie. Seems legit!

Nun ja, zumindest kann Mussolina jetzt nach Hause zu ihrer bedauernswerten Familie fahren und großspurig erzählen, wie schlimm das doch wieder war im unzivilisierten Outback hinter der großen Mauer. Und dabei ihre (individuelle, nicht kollektive!) Überheblichkeit und das Herabblicken auf die angeheirateten Minder-Deutschen außer Acht lassen. Ebenso wie die kleine Kleinigkeit, dass sie es sich scheinbar zur Aufgabe gemacht hat, wildfremden Menschen im öffentlichen Personennahverkehr schon zu eindeutig unchristlichen Zeiten gepflegt ans Bein zu pissen. Und dass man keine anderen Ergebnisse erwarten muss, wenn man so auf andere Leute zugeht. Immerhin, ihre mitgereiste Fräulein Birkenstock hat etwas verschüchtert lächeln müssen. Nach Zustimmung sah das sicher nicht aus. Es ist eben doch nicht alles verloren. Abgesehen von der Integrität teutonischer Automobilkonzerne und der Standfestigkeit der großen deutschen Sozialdemokratie.

2 thoughts on “Der Schreibtisch 01-2018 – VW-Affenprüfer, das GROße KOtzen und „typisch ostdeutsche Freundlichkeit“”

  1. Moin, Moin,
    jubel Jubel freu freu das es mit dem Wochenrückblick weitergeht, hab es schon etwas vermisst (Vorsicht Schleimspur 😉 ) Also hier mein Senf :
    An was ich bei Thema Nummer 1 gedacht hab als ich davon das erste Mal hörte ist hoffentlich zu weit hergeholt, aber sowas hat bei mir sofort 33-45 Assoziationen geweckt (sinnfreie Menschenversuche)
    Bei dem Thema Nummer 2 bin ich raus, bin mittlerweile zu sehr von den „Sozen“ enttäuscht. Schulz und Co. könnten doch eigentlich der Einfachheit halber austreten und Mitgliedschaft bei CDU/CSU beantragen (Der Treppenwitz des Jahres scheint sich da übrigens schon anzubahnen, es wird gemunkelt dass M.S. für keinen Ministerposten vorgesehen sein soll. Muhaha 😉 )
    Und was dein Bahnerlebnis der dritten Art anbelangt, ich für meinen Teil bin da inzwischen bei sowas abgehärtet. Hätte mich noch nicht mal erhoben, die hatten doch nen Sitzplatz, slash igno und gut is, jahrelanges Bi/Wo Busmitfahren härtet halt ab 😉
    liebe Grüße und mal liest sich

    1. Freut mich, dass dich das freut 🙂 Aber wie es halt so ist: 2 Wochen Pause, dann kurz krank, Tag ein, Tag aus und schon ist Februar.

      Der VW-Vergleich zu den Grenzen vor 45 kam mir auch in den Sinn. Aber gut, Volkswagen halt, die haben da ja Tradition… Und der Herr Schulz wird vielleicht auch in die Wirtschaft gehen, beim Konzern ist ja gerade ein Chef-Lobbyistenplatz frei geworden 😉

      Und die Tante regt mich wohl daher am meisten auf, weil sie schon angetrabt kommt in dem „Wissen“, unglaublich relevant und wichtig zu sein und nur der Etikette wegen fragen zu müssen. Dabei hatte die Glück. Es gibt Frühschichten, da hätte sie mich nicht ansprechen dürfen 😀

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