Der Schreibtisch 02/2017 – Kim vs. Donald …bis einer flennt!

Der Toupetierte aus dem Abendland und der Dicke von der Morgenröte eskalieren ihre Minderwertigkeitskomplexe um die Wette. Die Schaumschlägerei kennt man zwar, aber hier prallen zwei Gestörte mit Jucken im Finger aufeinander. Und wenn die uns nicht kriegen, ist ja auch immer noch das Wetter da, um uns alle mitzunehmen. Ein Glück, dass heute Bundestagswahl ist. Wenigstens da bleibt alles beim Alten. Oder doch nicht ganz? Ist wenigstens noch auf das Chaos Verlass?

Wahl-Fang

Ja, ist es denn schon wieder soweit? Wie schnell so ein paar Jahre doch vergehen. Turbulent war’s ja: Menschen flüchten zu Millionen, suchen Schutz und Heimat, alte Grenzen brechen weg, sicher geglaubte Lebensentwürfe werden in Frage gestellt, Meinungen prallen aufeinander, Stimmungen kochen hoch und entladen sich. Und ganz oben, bei den Herrschaften Bundesregierung, bleibt alles verdächtig ruhig. Wenig dreht sich, die GroKo macht, was sie am besten kann, nämlich die eigene Stelle wund treten. Mutti waltet, die Lobbyisten hinter den Mächtigen lenken, die SPD hat wie immer den schwarzen Peter. Eine Konsequenz, die man gerne in Frage stellen kann, ist ja aber auch alternativlos.

Dennoch unverschämt, mal eben wieder zum allvierjährlichen Urnengang aufzurufen, so ganz ohne vorherigen Wahlkampf. Oder war da was? Gibt’s was Neues? Gut, die AfD kommt in den Bundestag, das steht wohl fest. Ihre noch gar nicht so alte Strahlkraft haben sie verloren, ihre konsequente personelle und ideologische Demontage dauert an. Natürlich bestehen sie weiter als ein Sammelbecken für die ganz Konservativen, den braunen Sumpf, aber auch für die Unsicheren, die Abgehängten, die Perspektivlosen. Und wenn diese vielleicht gut 10%, die da am Ende auf der Habenseite stehen werden, der große Denkzettel sein sollen, dann gehen wir halt damit um – Die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist damit nicht bedroht, schon gar nicht verloren, aber der kleine blaue Giftzwerg muss Farbe bekennen. Denn die AfD ist immer dann gut, wenn sie die Blicke auf sich lenken will, und immer dann fürchterlich schlecht, wenn die Blicke auf ihr liegen.

Interessanter ist vielmehr das Revival der Lindner-FDP, was wohl die Wenigsten auf dem Schirm hatten. Man muss diesen Typen nicht mögen – Nein, bitte, das muss man wirklich nicht – aber in einer Ära des Post-Faktischen haben es Christian Lindner und seine Liberalen verstanden, wie wichtig Personenkult ist, wie viel mehr Leute man mit ikonisierender Penetranz abholt als mit spröden Inhalten. Die FDP beschreitet einen Weg, der in den USA längst Maßstab ist – Der Wegfall des Politischen in der Politik. Vielleicht sollte man lieber darüber diskutieren als darüber, wie böse die AfD ist. Denn das ist nun wahrlich nicht neu – Und je mehr man sich daran abarbeitet, desto mehr wird ihre Basis bestärkt. Die letzten Hochrechnungen zeigen es: Die AfD holt auf, in dem Maße, wie jeder meint, sich noch ein letztes Mal ganz klar und für jeden verständlich von dem Verein abgrenzen zu müssen.

Gefährlicher scheint dennoch die Option, dass sich wieder eine Große Koalition nach der Wahl zusammen findet. Denn diese Exzessivität des Stillstands stößt jetzt schon vielen sauer auf, egal aus welchem politischen Lager sie kommen. Noch eine Legislatur in dieser jegliche Opposition verhindernden Patt-Situation, und Unmut wird zu Wut, die sich Bahn brechen kann. Dennoch nicht unwahrscheinlich: Merkel will Kanzler, Schulz und SPD wollen nicht den Anschluss verlieren, von dem sie immer noch glauben, dass es ihn gibt. Und so gediegen hat es sich ja auch selten durchregiert.

World’s Next Top-Hurricane

Während wir aber noch die Nase rümpfen über die Rückkehr des ewig Gleichen, sehnen sich die Menschen in Zentralamerika nach etwas mehr willkommen langweiliger Routine. Gerade zwei Wochen ist es her, dass sich Hurrikan Irma mit Gewalt durch die Karibik und über Florida gepflügt hat. Selbst die verheerend getroffenen Florida Keys aber genesen mittlerweile – Eines muss man der amerikanischen Mentalität zu Gute halten: Wenn es sein muss, können sie anpacken, aufbauen, lassen sich nicht unterkriegen. Allerdings ist ihnen auch ein gewisses „Glück“ im Unglück gegönnt, welches die Karibischen Inseln gerade dringend nötig hätten. Während noch Tausende Haushalte ohne Strom sind, zieht der ebenso verheerende Hurrikan Maria seine Bahn – Gerade hat er Puerto Rico gekreuzt, dort droht ein Staudamm zu brechen und Häuser und Menschen mitzureißen. Überhaupt gelangen Helfer in viele schlimm getroffene Regionen noch gar nicht, das Ausmaß der Zerstörung lässt sich noch nicht vollends fassen. Auch nicht, wie viele Leben diese Eskalation des Wetters gekostet hat.

Eine Eskalation, die tatsächlich auch wir in Mitteleuropa, wenn auch in weitaus abgeschwächter Form, zu spüren bekommen. Man kann selbstgefällig darüber jammern, was für ein mieser Sommer das war. Oder man schaut genauer hin, was die letzten Monate, die letzten Jahre stattdessen passiert ist. Immer häufigere heftige Sturmböen, andauernde Starkregenfälle, ständige Temperaturschwankungen von über 10 °C binnen 24 Stunden. Wenn der Klimawandel diskutiert wird, muss man nicht warten auf einen extrem heißen oder kalten Sommer oder Winter, auf eine permanent erfahrbare Änderung jahreszeitlicher Umstände. Die Unbeständigkeit, die Extreme, die sind schon längst hier – und es ist gruselig zu sehen, wie diese gerade seit den letzten 3-4 Jahren immer nachhaltiger ankommen.  

Kim vs. Donald …bis einer flennt!

Graffiti von Lush Sux

Doktor Trump und Doktor Jong-un vom Fresenius-Institut für Geisteskranke stört das freilich wenig – Die können ihren ewigen Winter selbst machen, wenn ihnen der atomare Wille danach steht. Dabei hat man lange eigentlich gut daran getan, die beiden Querschläger nicht ernster zu nehmen und als gefährlicher zu stilisieren als sie sind. Dass Kim Jong-Un sein Allmachtsgeschwurbel in die Welt posaunt, ist quasi Grundlage einer funktionierenden nordkoreanischen Diktatur, bei allen tatsächlichen materiellen und militärischen Engpässen des Landes. Dass vor ein paar Wochen dennoch eine Rakete über Japan geschossen wurde, ließ aufhorchen: Ein offener Affront, fast schon eine Kriegserklärung. Auf der anderen Seite des Pazifiks war ebenso klar, dass sich der Business-Mensch Tim Toupet in seinem First-Man-Amt bald dessen Zwängen unterordnen muss, eben nicht so einfach Gesetze aushebeln, Gesundheitssysteme kippen und Mauern hochziehen kann wie er gerne würde. Und so ein offener Krieg gegen welchen Feind auch immer, der da gerade vor die Linse kommt, ist ja auch schlecht für’s Geschäft.

Nur bewegen wir uns hier nicht mehr im Raum von Politik und Diplomatie, von Amtsehre und resoluten Zwängen. Wir sind hier im Sandkasten von zwei trotzigen Jungs, die in der Schule keiner mag und die sich gerade gegenseitig ihre Matchbox-Autos geklaut haben. Der Eine sieht in dem Anderen einen verwirrten gealterten Wahnsinnigen, obwohl er gerade selbst in den Spiegel blickt. Der Andere mit den 6.000 Atomraketen nennt den Einen mit seinen knapp 20 den „Rocket Man“ und schnallt nicht, wie himmelschreiend absurd sich das anhört. Ri Yong-Ho, Kims Außenminister, hält eine Bombardierung des US-amerikanischen Festlands mittlerweile für unausweichlich, Trump spricht von der vollständigen Vernichtung eines ganzen Staates. Das hier ist nicht mehr ein rhetorischer Schwanzvergleich zwischen zwei Überkompensierenden, das ist ein wahnwitziges Kräftemessen in kältester Kriegstreiber-Dialektik, an dessen Ende nur Verlierer stehen können – Und niemand scheint den zwei von der Leine gelassenen in die Parade fahren zu können.

Natürlich, noch sind das alles Worte – Aber Donald Trump und Kim Jong-un sind keine taktierenden Provokateure, die Grenzen ausloten und ihren Status festigen wollen. Es sind unberechenbare Kleinkinder mit zu großer Macht in ihren verschwitzten Griffeln, unfähig zu rationalem Denken und empathischem Handeln – und sich dabei fürchterlich ähnlich. Die Frage ist nicht, ob einer von beiden tatsächlich Krieg will, diese Frage wird am Ende obsolet sein. Ein falscher Stich zu viel, eine gekappte Synapse und die zivilisatorische Vernunft kann sich das losgetretene Schauspiel nur noch von ganz weit draußen ansehen.

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