Der Schreibtisch 04/2018 – Warum Spermien nicht klatschen können – Ein Abend mit Hazel Brugger

„Hallo? …Irgendwer zu Hause? Irgendjemand da? …Hallooo? Wo sind denn alle? All die kleinen und großen Aufreger und Skandälchen, die sich sonst um die Wochenkolumnen-Couch tummeln… Und was macht ihr veralteten Säcke eigentlich hier, habt ihr nicht was zu tun?“ … „Wer, wir?“ – „Ja, ihr! Wer seid ihr überhaupt?“ – „Na, also ich bin der Ost-Goutha. Der Assad lässt im Moment meine Bevölkerung aushungern.“ – „Ja und ich bin der Afrin. Und der Erdogan belagert mich gerade, weil er mich für Terroristen hält.“

„Okay… Und was Besseres habt ihr nicht vor an einem Samstag Abend? Ihr seid seit Wochen so erwartet und vorhersehbar, könnt ihr nicht bitte Platz für die wirklich neuen Sachen machen?“ – „Die neuen Sachen?“ – „Ja, die neuen Sachen. Denn neu ist immer besser. Und ihr? Ihr seid alt. Ihr seid egal. Und von euren Zivilisten will nicht einmal mehr die UNICEF etwas wissen. Habt ihr nicht deren letztes weißes Blatt gesehen? Nicht einmal Worte haben die noch für euch…“

„Und? Was willst du sonst erzählen?“ – „Ich? Über Kultur natürlich. Können wir uns als freiheitlich demokratische Gesellschaft ja schließlich leisten. Hat doch Hazel Brugger so treffend formuliert: Kultur ist das, was man machen kann, wenn man sonst keine Probleme hat.“ – „Probleme wie uns?“ –  „Ja, Probleme wie euch! Oder habt ihr schon einmal jemanden sagen gehört: Mensch, wir stehen gerade mitten im Weltkrieg. JETZT ein Poetry Slam!? Nein! Siehste! Also gehen wir doch lieber gleich zu den wichtigen Dingen über, beispielsweise:

Warum Spermien nicht klatschen können

Hazel Brugger

Jessica Wirth, Hazel BruggerCC BY-SA 4.0

Ja, schön ist das tatsächlich, wenn für einen gerade mal nichts außerhalb des fest gesteckten Tellerrands existiert und man einfach frei von der Leber weg von den Nichtigkeiten des Lebens berichten darf. Von Hazel Brugger zum Beispiel. Dass man über eine Person wie sie überhaupt diskutiert, macht schon möglichst selbstherrlich deutlich, wie gut es uns momentan geht. Aber okay, man darf Hazel Brugger tatsächlich scheiße finden. Weil sie die komplette Hipster-2.0-Meta-Schiene mit furztrockenem Schweizer Humor bedient. Ja, kann man scheiße finden…

Ist nur leider dämlich! Oder zumindest oberflächlich. Also ohne den Willen, sich über ein modernes Sprachbild und legere Slammer-Attitüde mit kritischen Topoi, Figuren und gesellschaftlichen Fragen auseinander zu setzen. Also doch … dämlich. Mensch, ist das einfach! Und ja, man kann Hazel B. tatsächlich auch unscheiße finden. Und sei es nur für ihre Fähigkeit, scheinbar belanglose Themen anzuschneiden und Stück für Stück dermaßen absurd (und grenzwertig nachvollziehbar) zu übersteigern, dass sich der Schulterschluss aus stecken gebliebenem Lachen und ehrlicher Entrüstung schon längst ins Wochenende verabschiedet hat.

Beispiel? Man kann etwas über die Deutsche Bahn erzählen. So weit, so ermüdend. Man kann erwarten, auf der Fahrt von Zürich nach Köln zumindest in einer ähnlichen Jahreszeit anzukommen, um seinen Fashion Sense nicht komplett überdenken zu müssen. Okay, das junge Publikum ist damit abgeholt, aber was ist mit dem Rest? Man kann beispielsweise auch erwarten, nach einer Fahrt mit der Deutschen Bahn in Köln auszusteigen und kein Aids zu haben. Wobei es aber okay wäre, beim Aussteigen Aids zu haben, wenn man schon Aids hatte, als man in Zürich eingestiegen ist. Man erwartet schließlich keinen Heilungsprozess während so einer Bahnfahrt, zumindest aber keine drastische Verschlechterung des eigenen Autoimmun-Systems auf der Strecke zwischen Zürich und Köln. …So!

Das sind dann die Momente, die erst einmal ankommen und sacken müssen, nur bleibt dazu keine Zeit. Schließlich tänzelt Brugger an einer einzigen riesigen Satzgirlande durch den zweistündigen Abend im Leipziger Täubchenthal und hat das Verschnaufpausen-Sparmenü schon im Vorfeld von der Karte gestrichen. Und während man noch überlegt, ob die das gerade eben wirklich gesagt hat, ob so etwas überhaupt tragbar ist, sitzen die nächsten bösartigen Tiefschläge schon ganz weit unten in der Magengrube.

Da wird das Leipziger Selbstverständnis als weltoffene, aufgeschlossene und sowieso besteste Stadt der Republik im Vorbeigehen in seine reaktionär-spießbürgerliche Molekularmasse seziert – Und das Publikum feiert es trotzdem ab. Gut, es muss ja auch feiern, schließlich kann sich jeder Einzelne im Saal glücklich schätzen, von seinen Eltern als Kleinkind nicht erwürgt worden zu sein. Man konnte ja schließlich nichts außer anstrengend und scheiße sein, dabei aber zumindest süß. Was als einziger, pragmatisch fragwürdiger Grund unzähligen Kindsmorden den Riegel vorgeschoben hat.

…Ernsthaft, darf man das? Kann man da auch noch klatschen? … Klar kann man klatschen. Einfach weil man eben kann. Man ist ja schließlich kein Spermium. Die hätten auch zu Millionen geklatscht, weil man irgendwann einmal der Schnellste war. Konnten sie aber nicht, haben ja keine Arme und keine Beine. Sehen dafür aber so aus wie ein schmerbäuchiger Mittvierziger-IT-Nerd mit Geheimratsecken und Pferdeschwanz. …Und das ist alles noch die Spitze des Eisbergs, denn die vermeintlich „böseste Frau der Schweiz“ setzt in ihrem Soloprogramm „Hazel Brugger passiert“ das um, was im Fernsehen umgehend wegzensiert wäre.

Schade dass sie viele ältere Texte einbaut, die man hier und da schon gehört oder gesehen hat, sollte man in der Lage sein, YouTube zu bedienen. Aber dafür sind Gag- und Trefferdichte bei Hazel Brugger dermaßen hoch, dass auch ein zwei- oder dreifacher Konsum nicht schaden kann. Auch wenn man sich dafür ernsthaft schämen sollte. Ein Abend mit Hazel Brugger ist wie 120 Minuten die finstersten Winkel aus „Cards Against Humanity“ vorgelesen zu bekommen. Provokant, polemisch, geschmacklos. Ein Artillerie-Feuer der kleinen Aufreger, die diese Woche so spärlich gesät waren. Und nur für ganz, ganz schlechte Menschen gedacht. Bitte mehr davon!

Postskriptum

…Na gut, noch ein bisschen Tagesgeschehen zum Rausschmeißen. Aber mit bewegten Bildern, also auch mit Aufmerksamkeitsdefiziten immerhin konsumierbar: Und wenn die rassistischen Pfeifen von der AfD im Bundestag zumindest dafür gut sind, dass die Etablierten häufiger aus ihrer Comfort Zone treten und auch mal offensiv Stellung beziehen, dann kann man da nicht einmal dagegen sein. Was die AfD als nächste lächerliche Provokation in der Hand hat so wie jetzt die Agitation gegen Deniz Yücel, spielt dabei auch keine Rolle. Gewinnen können nur die anderen, wenn sie sich häufiger positionieren, Flagge zeigen, endlich mal wieder etwas Leben (in memoriam Herbert Wehner) in die verstaubte Posten-Garderobe in Berlin bringen, so wie jüngst Cem Özdemir. Dann bleibt nämlich die Erkenntnis auch die gleiche wie oben: Bitte mehr davon!

Cem Özdemir gegen die AfD, Deutscher Bundestag, 22.02.2018

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