Der Schreibtisch 16/2018: Früher war mehr Konfetti – Die große 90er-Eurodance-Sause auf der Peißnitzinsel Halle und wie man damit umgeht

Tamagochi, Love Parade, Arschgeweih. Swear-Plateau-Schuhe und Hosen mit Schlag. Golfkrieg, Ruanda, Srebrenica. ‘Ne Flasche Bier als Politik-Konzept. Soap Operas, Heiner „Die Wassermanzen wanzen wälzen“ Bremer, Andreas Türck. Die 90er Jahre haben wahrlich viel Schmerz gebracht und waren insgesamt wenig hilfreich. Schließlich gab es ja dann noch diese Musik. Mit Vierviertel-Rummelbumms-Beat, Billig-Synthesizern, schlecht eingekauften Klischee-Rappern, peinlichen Overdress-Massakern und unterbelichtet überbelichteten Musikvideo-Versuchen. Mit grellem Farbfilter, epileptischen Zoom-Ins-and-Outs und psychedelischer Green-Screen-Folter.

Eurodance nennt man das heute und niemand will es so recht gewesen sein. Aber einem Land, welches The Hoff für den Sturz der Berliner Mauer verantwortlich macht, kann man auch alles vorsetzen, was nicht Italo Disco heißt und für viele dann gleich wieder zu südländisch klingt. Und jeder kann sie mitsingen, die unsterblichen Klassiker der unvergessenen Legenden-Lichtgestalten. Spätestens nach vier Pils auf’m Kessel und genügend gleichgesinnten Schläfern im Sichtfeld, die nur auf ihr Codewort warten …“What is love???…“, folgt das gemeinferne Abspacken auf dem stillosen Fuß, gekrönt von der semipermeablen Schames-Rundumröte am nächsten Morgen, die sich nur bedingt mit allgemeiner Katerstimmung rechtfertigen lässt.

Und irgendwo ist es ja auch ein wenig Identität stiftend, was man in den 90er Jahren da für Murks abgefeiert hat und gar nicht so geheim immer noch ein wenig feiert. Zumindest manchmal, wenn man mal Freigang hat. Natürlich ist jede Jugendsünde peinlich, aber als Kind der 90er hat man damit eben auch etwas, womit man das Jahrzehnt seiner Jugend definieren kann. Und letztlich freut man sich wie bolle, wenn man merkt, wie viele andere Menschen das doch eigentlich ganz genau so sehen.

Eurodance

Wenn also die 90er rufen, dann muss man den 90ern folgen. Auch wenn man dafür nach Halle muss, aber die Peißnitz ist ja schon ein schönes Fleckchen. Aber auch, wenn man schon im Voraus weiß, dass niemand Geringerer als Mola Adebisi das große Happening „moderierend“ „begleitet“ und das vermutlich nur die Spitze des Plattitüden-Eisbergs wird. Aber wer weiß, wann und ob sich die Chance noch einmal ergibt: Die 80er sind mittlerweile offiziell abgefrühstückt, bald werden die 00er als neues großes Retro-Ding folgen. Auch wenn da ein paar clevere Leute ran müssen, wenn sie ein ganzes Festival mit Britney Spears, O-Zone und dem Schnappi-Krokodil füllen wollen.

Aber zurück zum Thema: Dr. Alban, Rednex, Snap!, Captain Hollywood Project, Oli P., East 17, La Bouche, Mr. President, die eine von Ace of Base, Whigfield, Culture Beat und … es tut beim Schreiben weh … die Vengaboys im Vengabus. Alle live und mit erfreulich wenig Playback, wenn man die DJ-Konserven-Beschallung mal ausklammert. Und alle sichtlich gealtert, damit man gleich ganz genau weiß, wo man selbst bald stehen wird. Also vielleicht irgendwo mit einer ganzen Reihe ehemaliger Geschmacksverirrungen auf irgendwelchen Festwiesen, um alte Gräueltaten hervor zu kärchern, weil irgendwann zwischen Koks und Justin Bieber das Geld alle gegangen ist. Und sicher mit einigen der 12.000 Leute, die das Haus hier heute ausverkauft haben.

Das ist ja auch alles gar nicht so zynisch gemeint wie es vielleicht klingen mag. Wär auch schön blöd, schließlich hat man Geld dafür ausgegeben. Nur wäre ich ohne meine bessere Hälfte als Leidensgenossin oder wenigstens irgendeinem anderen Wagemutigen als Backup da bestimmt nicht aufgekreuzt. Und anfangs stehen die Zeichen tatsächlich auf „Hand vorm Kopf“, als eine Mutter-Beimer-Version von Whigfield im Latex-Einteiler quietschend auf die Bühne poltert und der Gesang von irgendwo hinten am Bühnenende nachgeliefert wird. Und mehr als „Saturday Night“ hatte sie ja auch nie. …Man ist schnell froh, dass die Auftritte allesamt bei 20-30 Minuten pendeln…

La Bouche machen das dann schon bedeutend besser – Erstens, weil sie im Gegensatz zu Whigfield zwei Lieder hatten. Zweitens, weil sie live singen. Und drittens, weil sie immer noch halbwegs wissen was sie tun. So richtig auf Betriebstemperatur kommt man aber erst mit Culture Beat, weil „Mr. Vain“ auch heute noch unkaputtbar ist. Und Jenny Berggren von Ace of Base zeigt im Anschluss spielend, warum sie hier eigentlich nicht hergehört. Denn Ace of Base sind wie Roxette: Ein Arsenal an Hits, jeder mag sie und mit Trash haben sie – abgesehen von den Video-Clips – mal so gar nichts am Hut.

Jetzt muss man sich schon gut organisieren, will man so einen Auftritt nicht gänzlich verpassen, bloß weil man Bier holen ist. Nicht wegen unüberschaubarem Andrang, sondern weil die Bediensteten durchweg kolossal unfähig sind, ihre kleinen 1,5-Meter-Bereiche im Auge zu behalten und höhere Mathematik wie 3+3+2,5 auf Kette zu kriegen. 3 € für ein 0,3er-Holsten, ganz nebenbei. Und 2,50 € für Sprudelwasser, aber wer braucht das schon bei 30°!? Bei den Cocktails geht’s etwas flotter, nur ist man da für den 0,5-l-Becher eben auch ‘nen Zehner ärmer. Ehrlich, wir waren gerade erst auf dem All Points East – Und nicht nur gab es da eine unglaubliche kulinarische Rundumversorgung, derartige Frechheiten für billigste Ware haben sich nicht einmal die überteuerten Londoner geleistet.

Während die Lappen von East 17 ihr Set runter langweilen, kann man sich da schon mal in Ruhe ein wenig innerlich aufregen. Nur geht das nicht lange, schließlich stehen Rednex auf dem Plan und die sind immer noch so verfilzt und bescheuert überdreht wie früher. Klar, man kann sich das nicht ernsthaft antun, aber genau deswegen ist man ja hier. Witzigerweise haben die noch einen neuen Song mitgebracht, denn die gibt es tatsächlich noch, die machen immer noch „Musik“ und klingen immer noch wie bei „Cotton Eye Joe“.

Eurodance

Dann passiert worauf alle gewartet haben: “Rhythm is a dancer, it’s a soul’s companion…”. Kollektive Snap!-Atmung bei dem Gassenhauer, den wohl heute noch jeder mitsingen kann. „I’m serious as cancer when I say rhythm is a dancer.“ Ja, genau so war das nämlich! Dabei sind Captain Hollywood danach fast noch cooler, mit ausnahmsweise echter Klampfe, Choreografie und sichtlich Spaß bei der Sache. Sauber! Auch wenn sich all die „Put your hands in the air“ und „Let’s get the party started“ –  Skandierer nach sechs Stunden allmählich abnutzen. Aber auch das waren die 90er: Eine Handvoll simpler Aussagen … oft genug wiederholen … Stimmung!!

Apropos sechs Stunden: Auf den Vengabus springe ich noch mit auf, notgedrungen, auch wenn das die längsten 30 Minuten dieses Abends werden, aber dann ist auch langsam mal gut. Hampel-Mola, Dauerhitze und der steigende Alkoholpegel der eher grobschlächtigen Kundschaft schlagen ein wenig auf’s Gemüt – und bis der schwedische Zahnarzt als Headliner auf der Matte steht, vergeht noch viel Zeit. Es bleibt also ein Alban-loser Abend, aber so ein bisschen muss man auch sacken lassen, was hier heute über einen rüber gerollt ist: …Streng genommen großenteils schlechte Musik, schlechte Outfits, schlechte Sprüche und Ballermann-Flavour.

Natürlich ist die ganze Sause objektiv furchtbar und aus guten Gründen im Giftschrank der Vergangenheit. Aber genauso natürlich macht es auch subjektiv Laune, diese fragwürdige Zeit für einen Abend wieder aufleben zu lassen und dabei noch einmal alle die Leute zu sehen, die einen in der musikalischen Frühsozialisation begleitet haben und irgendwann mal der geilste Scheiß waren. Kopf aus, Hirn weg und mitgemacht.

Und das Konfetti! Alle Nase lang die große Konfetti-Kanone: Bummm! Das ist bunt und leuchtet und fliegt durch die Gegend. Manchmal darf es eben auch einfach und trotzdem Spaß sein. Zumindest in kleinen Portionen. Ansonsten dürfen die 90er gerne da bleiben, wo sie gerade sind. Die Folge-Jahrzehnte sind ja nicht nur mindestens genauso schlimm, sondern haben ihre späten 15 Minuten Fame ebenso verdient. Und wer das alles nochmal genau nachlesen will:

Jan Böhmermann - Eine Hymne auf die 90er

2 thoughts on “Der Schreibtisch 16/2018: Früher war mehr Konfetti – Die große 90er-Eurodance-Sause auf der Peißnitzinsel Halle und wie man damit umgeht”

  1. Mensch. Du hast dir den Doktor nicht mehr gegeben? Geht ja gar nicht. „Mr. Vain“ lief diesen Samstag übrigens auch wieder auf der Peißnitz. Da haben ein paar gleich mal die 90er Party 2.0 gestartet. 😀

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