Der Schreibtisch 17-2018 (Fußball-Spezial) – Warum immer einer den Längeren haben und ein anderer den Kürzeren ziehen muss

Immer der gleiche ausgeleierte Leierkasten: Ob Kain seinen Bluts-Homie Abel haut oder Kratos gegen den Gottvater zu Felde zieht oder Biggie den 2Pac über den Haufen schießt oder andersrum oder Charlie Sheen gegen den Tiger in sich kämpft oder Erdogan gegen die ganze Welt: Immer muss einer der Erste sein und mindestens fünf Mal toller als wie die Anderen. Und immer muss dabei irgendwem etwas bewiesen werden, und sei es nur der eigenen Bedeutsamkeit.

Der Rest steht dabei als vermeintlich unparteiischer, zwischen Fanatismus, Apathie oder Gleichgültigkeit oszillierender Schiedsrichter in der Deckungs-befreiten Zone herum und muss zu guter Letzt entscheiden, welcher Streitklops denn bei dem neuesten Beef wieder der Supertastischere oder der Scheißigere war. Oder er muss einfach nur die Folgen tragen, wenn bestimmte Gloriengestalten wieder nur verbrannte Erde hinterlassen haben, aber das ist ja immerhin etwas.

Jetzt ist dieser nur vermeintlich anonyme Rest ja kein Deut weniger bescheuert als diejenigen, die gefeiert, verflucht oder kopfschüttelnd zur persona non grata degradiert werden. Insgeheim will sich doch jeder irgendwo einreihen können, das Lemming-Verhalten kriegen wir mit der Muttermilch aufgesogen. Und in soziologischem Ingroup-Outgroup-Übereifer gibt es sowieso nichts Bequemeres, als ohne viel Zutun Partei zu ergreifen und sich so viel richtiger und besser als so viele andere Dumpfbacken fühlen zu können. So ein „sich nicht vertragen können“ und „gegenseitig übertrumpfen müssen“ hat ja auch immer was wahnsinnig Identität stiftendes. Und nirgends zeigt sich dieses vorpennälerische Kräftemessen deutlicher – aber auch folgenloser – als beim…

…Fußball

Fußball

Hin und wieder, immer mal, wenn Meisterschaften sind. Oder mit einem halben Ohr bei RB Leipzig hingehört. Aber komplexere Sportarten wie Baseball werden immer die Nase vorn haben, wenn es beim Fußball schon das Höchste der Gefühle ist, passives Abseits zu erklären. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich die großen Vereine und die FIFA im Allgemeinen nicht dazu durchringen können, ihren Königssport als das zu sehen, was er ist: Eine dicke Party, die vielen Leuten Spaß macht, bei der das große Geld aber sicher nicht in den 90 Minuten auf dem Platz erspielt wird. Die Amis haben das drauf, gerade beim American Football. Da werden Familie und Duff-Trinkerhelm eingepackt und sich ein schöner Sonntag an der frischen Luft gemacht. Hauptsache Entertainment.

Aber nicht …mit …uns. In Deutschland ist die Aussage, man interessiere sich nicht sonderlich für Fußball, schlimmer als die Meinung, Hitler wäre eigentlich eine ganz urige Type gewesen. Bei geschätzt einem Drittel der Bevölkerung ist man sofort raus, weil man ihr Quasi-Monothema am Stammtisch nicht adäquat bespaßen kann. Das nächste Drittel starrt einen fassungslos an, wenn man dann doch mitschaut, aber nicht gleich für oder gegen jemanden oder nur für die gerade bessere Mannschaft ist – Und das letzte Drittel schmiedet die ersten Meuchelpläne.

Die Leute waren aber auch mies drauf nach Mexiko, gefühlt erheblich grantiger als sonst. Ein Glück, seit Samstag ist wieder alles halbwegs im Lot und das Wetter wird auch besser. Die Deutschen sind ja eine Turniermannschaft und merken oft recht spät, dass gerade wieder Turnier ist. Nicht auszudenken, sollten sie morgen ihren göttlich vorbestimmten Weg ins Achtelfinale verfehlen. Anarchie, der Tod einer Nation, denn die Angestellten der Deutschland GmbH (=Einwohner) können immer so schlecht zwischen Fußball und Wirklichkeit unterscheiden. Und müssten sich gelangweilt mit so Kram wie dem Artikel 13 beschäftigen, der gerade in Brüssel durchgewunken werden soll. …Oder sie kletten sich an die nächste Rampensau, unseren guten alten…

Dr. Donald

Vermutlich der mit den kleinsten Eiern, aber dem immensesten Überkompensations-Komplex. Eigentlich muss man ihm ja fast dankbar sein – Wenn die Kolumne mal nicht flutscht, ist immer Dr. D. als thematische Ausweichhilfe zur Stelle, unterhaltsam bleibt’s allemal. Der Dichte mit dem dichten Haar möchte die dichten Grenzen ganz gerne noch dichter machen, so dass auch ja keine europäischen Autos mehr durchpassen.

20 Prozent Zoll will er auf Europas Automobil-Exporte drauf schaufeln, bloß weil scheinbar niemand die überspitzesten Ford-Klitschen aus den US of A kaufen mag. Mit Stahl und Aluminium hatte es angefangen – und weil die Europäische Union sich im gegenseitigen Sandkasten spielen nicht lumpen lassen will, kontert sie mit Jeans, Erdnussbutter(!) und Whiskey. So kann man das lange baumelnde Damokles-Schwert des Freihandelsabkommens auch ad absurdum führen und mit einem potenziell ebenso verheerenden Handelskrieg initiativ auswechseln.

Pragmatisch und überlegt ist daran natürlich wieder nichts, aber das kennt man ja schon. Nur kann man nicht einmal von strategischer Aktion und Reaktion sprechen, auf keiner Seite. Ich habe mir das böse Schlagwort bisher verkniffen, aber… Ja! Schwanzvergleich! Punkt! Sollen sich doch erst ganz kurz die Aktionäre und dann viel länger die Verbraucher damit rumschlagen. Aber unter denen gibt es halt auch wieder Leute, die das alles gut finden, auch wenn sie mit dem Rücken zur Wand stehen. Leute, die zu Millionen Dr. Donald gewählt haben. Leute, die EU-weit inkompetente Machtgeier in ihre Landesregierungen wählen, die dann wieder in Brüssel endgelagert werden.

Wobei man hierzulande gerade schön sieht, auf welche Seifenopern-Oldtimer man sich mal wieder basisdemokratisch geeinigt hat. Denn was Donald kann, können schon längst…

Super-Angie und Innen-Horst

Wie man Horst Seehofer tatsächlich noch mehr Einfluss geben kann, nachdem man jahrein jahraus sein wunderlich erzkonservatives Gehabe in dem ebenso wunderlich erzkonservativen Bayern mit ansehen musste, bleibt eines der größten Geheimnisse dieser dysfunktionalen Polter-Koalition. Wie man ihm ausgerechnet das Innen-Ressort geben kann, obwohl er nichts anderes als eben Bayern kennt und seine Hardliner-Rolle offenkundig ist, war seit der damaligen Entscheidung unverständlich. Und jetzt haben wir den Salat…

Da will er sich also eigenhändig an die Grenze stellen, um alle Flüchtlinge abzufangen, die schon einen südeuropäischen Übergangspass in ihren Langstrecken-Taschen transportieren – Oder zumindest die Eingreif-Phalanx, bestehend aus Markus Söder und Alexander Dobrindt, zum Wegfangen voraus schicken. Die darf man nicht vergessen und sind kein Stück weniger übel als ihre Weißkopfadler-Galionsfigur. Und Mutti, die sich gerade noch nach dem freiwilligen Freitod der Sozen in die Rautenhände gepatscht hat, weiß gar nicht, wohin sie mit ihrem Amok laufenden Parteienbruder als Erstes hin soll.

Das muss man sich einmal vorstellen: Horst, der so oft an Angelas Thron zu sägen versucht hat, ist jetzt in einer Position, eben genau das effektiv zu tun – und dann macht der das auch noch! Und er macht das auch noch auf dem Rücken von Flüchtlingen! Ja, Mensch, wann hat’s denn so etwas schon gegeben?! Ein albernes Kindergerangel auf den Schultern derer, die sich am Wenigsten wehren können – und vielleicht der Sargnagel für das ohnehin wackelige Regierungsgebilde. …Wenn Merkel nicht wieder ihre berüchtigte gemeinsame europäische Lösung findet und in die Hände patschen kann. Ist ja eigentlich auch egal. Hauptsache, am Ende hat wieder einer recht. Das muss genügen, das kennt der Deutsche, da fühlt er sich wohl. Welcher Lemming ohne Sünde ist, springe als Erstes. Los!!

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