Emma Ruth Rundle – Marked for Death (Review/Musik)

Die Review zu „Emma Ruth Rundle – Marked for Death“ ist Teil der Reihe „Les nouvelles Grandes Dames schwermütiger Rock-Musik“.

Marked for Death

Emma Ruth Rundle – Marked for Death

Alternative Rock / Ambient / Folk

30.09.2016 / Sargent House / 38:11 min

Ball and Chain

Wenn es nicht mehr weiter geht, so nicht mehr weiter gehen kann. Wenn es nichts mehr zu sagen gibt, man sich selbst nichts mehr zu sagen hat. Wenn man am Ende eines Prozesses steht und für das eigens Erreichte doch nur Enttäuschung empfindet. Wenn man als Mitglied bei „The Nocturnes“ und den „Red Sparowes“ weltweit Aufmerksamkeit erlangt hat und in „Salome“ von der Zweitband „Marriages“ trotz allen Lobes doch nur seine Unzulänglichkeiten sieht. Den Kampf mit der eigenen Persönlichkeit als Hemmnis für technische Präzision zu verstehen glaubt. Und wenn man sein drittes Solo-Album (nach dem 2011er Instrumental „Electric Guitar: One“ und „Some Heavy Ocean“ aus 2014), das für seine kraftvoll-erschütternde Ehrlichkeit frenetisch bejubelte „Marked For Death“, am liebsten links liegen lassen und keinen der acht Songs je wieder live spielen will. Dann ist man bei einer Künstlerin, die Außerordentliches schafft, ohne sich dies eingestehen zu können. Die das Rampenlicht scheut, gefangen im Klammergriff unterwürfiger Bescheidenheit. Dann ist man bei Emma Ruth Rundle.

„I want Marked For Death to be a thing of the past, I want all of these twisted natures to fall away.” – Emma Ruth Rundle

Wie auch die momentan kaum bestrittene Kronenträgerin der Schwermut, Chelsea Wolfe, ist Rundle Teil der Sargent-House-Familie. Und wie andere vor ihr verschlägt es die Kalifornierin in das Label-eigene Aufnahmestudio „The Farm“, in die abgeschiedene Isolation der Pinion Hills. Unter Drogen und Unmengen Alkohol verlässt sie das Anwesen bald kaum noch, ist allein mit ihren Texten, einer Erzählung von Liebe, Verlust, Aufopferung und Selbstaufgabe – Puzzleteile, an deren Ende die 38 Minuten von „Marked For Death“ stehen werden. Das Cover der LP ziert ein stilles Selbstbildnis Rundles: Zerzaust, ausgelaugt, ungeschönt. Schonungslos offen und aufrichtig wie ihr musikalisches Panoptikum bittersüßer Rock-Goth-Ästhetik, metallischer Finsternis und elegischer Dark-Pop-Hilflosigkeit.

Das bittere Ende bildet den Anfang der Reise, wenn der Titelsong die Sinnlosigkeit zu lieben angesichts der Unausweichlichkeit des Todes beschreibt: „Who else is going to love someone like you that’s marked for death? Who else is going to be with you when you breathe your last?”. Mit zartem, verhalltem Picking entführt die Musikerin in ihre vernebelte, schwarz verhangene Welt der Traurigkeit, während sich den Rundle-typischen Moll-Akkorden bald tonnenschwere Drums anschließen und den Hörer in einen Sog werfen, dem sich kaum entfliehen lässt. Wesentlichen Anteil an der dichten Atmosphäre hat Emma Ruth Rundles Gesang, bei dem Vergleiche zu Dolores o’Riordan (The Cranberries) zwar nicht ins Leere laufen, aber auch nicht ganz treffen. Zwischen Klagen, Flehen und Sanftmut gibt Rundle immer nur so viel preis, wie es ihre Stücke verlangen, nutzt sie ihr volles stimmliches Potential stets bewusst und pointiert.

Lauter wie in dem auf den Opener folgenden „Protection“ wird sie daher selten. Überhaupt ist es der am ehesten dem Metal geöffnete Moment der Platte, während die Songwriterin die selbstgeißelnde Destruktivität einer einseitig dominierten Beziehung rekapituliert: „You are colder in your heart. I am worthless in your arms. But you offer this protection no one else has given me“. Spätestens mit dem anschließenden “Medusa” lässt sich dann nicht mehr verleugnen, dass man gerade Teil von etwas Großem wird. Eine Geschichte von Zurückweisung und der Sehnsucht nach Aufmerksamkeit. Zugleich ein Monolith aus verträumten Streichern, himmelhoch geschichteten Gitarren und zurückhaltender Percussion. Vielleicht der zugänglichste Song des Albums, ein Ohrwurm mit großer Geste, stets aber der Gefahr ausgesetzt, unter seinem fragilen Korsett zusammen zu brechen.

Es ist hier der Punkt, an dem „Marked For Death“ einen Fluss aus sinisterer Spannung, Verletzlichkeit und vorsichtigen Hoffnungsschimmern erzeugt hat, der bis zu den letzten Klängen von „Real Big Sky“ nicht mehr abebbt. Akzente setzt in der Folge besonders das brillant geschriebene „Heaven“, welches lange einzig Rundles Zeilen zum Leben braucht, sich letztlich dennoch in ein Wolken aufreißendes Trommelgewitter steigert, durchschnitten durch das entrückte Soli-Spiel der Gitarristin, welches schon ihren Vocal-losen Erstling ausgemacht hat. Die Gänsehaut von “Furious Angel” braucht schließlich keinerlei Eskalation mehr, um zu fesseln, und könnte es sich zwischen Lagerfeuer und umschmeichelnder Violine gemütlich machen, wären da nicht wieder Rundles niederschmetternde Lyrics, die keinen Zweifel daran lassen, in welchem Tal der Tränen man sich noch immer befindet: „If you won’t have me or bring me your love. Furious angels reign death from above onto me“. Und dann, ganz am Ende, dann ist da eben noch „Real Big Sky“.

„It’s a death wish, it’s about having a conversation with somebody who is in a lot of physical and mental pain who is ready to die.” – Emma Ruth Rundle

Näher und unmittelbarer kann man Emma Ruth Rundle nicht mehr kommen, nichts steht zwischen ihr und dem Publikum außer ihrer emotional aufgewühlten Stimme und einer einsamen Akustik-Gitarre, lediglich verfremdet durch einen Bass-Verstärker und ganz eng angelehnt an die ursprüngliche, rohe Demo-Aufnahme. Ein transzendierendes Zwiegespräch zwischen ihr und einem geliebten Menschen, der seinen letzten Gang bereits angetreten hat. "I don’t want to be awake when it takes me. I can’t wait to see you smile on the other side. I can’t wait to kiss the face of the big sky. Won’t you stay here for a while with me." Und doch, trotz seines vernichtenden Tenors der Grund, weshalb es „Marked for Death“ überhaupt gibt. Eine zu Tränen rührende, bleierne Ballade von erhabener Schönheit, die Emma Ruth Rundle aus ihrer selbstzerstörerischen  Lethargie geholfen hat, die wie schon eingangs auf das Ende blickt, nun aber in der Gewissheit, diesen Punkt noch nicht erreicht zu haben, nicht erreichen zu wollen.

„To me, that’s my most important song. […] It’s a song about transition and salvation, and whatever that means for you. I have a lot of shame and I want forgiveness. That’s something I want in my life.” – Emma Ruth Rundle

Lange wird Emma Ruth Rundle weder “Real Big Sky” noch “Marked For Death” im Allgemeinen spielen können, zu schmerzhaft wiegen die Erinnerungen an ihre damalige Verfassung, zu stark der Drang, Raum für Positives zu schaffen. Doch dieses „Marked For Death“ bleibt, seine bedingungslose Hingabe und mitreißende Aura, die sich kaum in Worte fassen lässt, sondern erfahren werden muss. Eine leidenschaftliche, nahezu perfekte Zäsur ebenso moderner wie zerbrechlicher Rock-Musik – Ein Meisterwerk!

  1. Marked For Death
  2. Protection
  3. Medusa
  4. Hand Of God
  5. Heaven
  6. So, come
  7. Furious Angel
  8. Real Big Sky

Highlights:

  • Marked For Death
  • Medusa
  • Heaven
  • Furious Angel
  • Real Big Sky
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Emma Ruth Rundle - Real Big Sky (Official Video)

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