Gschichten ausm Großen Garten – Kurztrip Dresden (Reisebericht)

Dresden an der Elbe, immer dasselbe?

Fragt A Quadrat zu B Quadrat: „Du, sag mal, gibt’s eigentlich Pegida noch?“ B Quadrat stirnrunzelt hilflos vor sich hin, schaut überfordert zu C Quadrat. C Quadrat so. „Nö, glaub‘ nicht, hört man gar nichts mehr“. Meint B Quadrat: „Ja, genau, die sind doch alle in den Kurzluntern von der AfD aufgegangen“. A Quadrat ist nicht so ganz zufrieden damit und sich sicher, die würden immer noch laufen. Bemerkt nur keiner mehr, weil zu sehr radikalisiert und damit an den gesellschaftlichen Rand gedrängt, den keine Fernsehkamera mehr einfangen mag. Aber wie es auch immer sei, das Wichtigste dabei: Man kann endlich wieder nach Dresden fahren! Jucheee!

…Ist natürlich alles Quatsch. Dresden ist genauso wenig Hort islamophober Schreihälse wie es eine Pegida nur in Sachsen gibt, gegeben hat und geben kann. Wahr ist, gerade die ausländische Bevölkerung Dresdens hat sich in den letzten Jahren bedeutend öfter Alltagsrassismus ausgesetzt gesehen. Weil eben die Lauten, die sowieso da sind, meinten, noch ein wenig lauter werden zu dürfen. Wahr ist auch, für viele jetzt und früher Ansässige hat Dresden in dem Maße an Attraktivität verloren, wie sich die allgemeine Stimmung zusehends verschlechtert hat.

Dresden
Dresdner Zwinger

Und das ist verständlich: Da wohnt man in einer der schönsten, enstpanntesten und historisch bemerkenswertesten Städte Deutschlands – Eine Stadt, die stolz darauf sein kann, nicht zu jeder Sekunde der modern-weltlichen Hektik verfallen zu sein, die seit Jahrzehnten ihre zerbombte Vergangenheit angeht und schafft, aufbaut, und deren kultureller Gestaltungswille seinesgleichen sucht. Und die Medien haben tagein tagaus nichts Besseres zu tun als diese Stadt als rückwärtsgewandten Schandfleck der Republik zu brandmarken und die Fratze des hässlichen Deutschen allein auf die barocke Idylle am Elbufer zu reduzieren.

Neue Impulse…

Bei Lichte betrachtet ist Dresden aber nach wie vor eine unserer größten Errungenschaften. Ein Spielplatz für Entdecker und Nostalgiker gleichermaßen, der wie kaum ein zweiter Fleck aus Jahrhunderten deutscher Geschichte zu erzählen weiß. Weil Dresden zwar ständig im Wandel ist, aber als internationales touristisches Epizentrum nicht seine Herkunft verleugnet – und unentwegt daran arbeitet, diesen Status aufrecht zu erhalten, ob Weltkulturerbe oder nicht.

Schon als wir den typischerweise viel zu späten Flixbus verlassen und mit der Tram zum Essen fassen in Richtung Dresden-Strehlen aufbrechen, sieht wie immer kein Straßenzug aus wie der Andere. Traditionelle Architektur wechselt sich ab mit stilsicheren Neubauten und allem dazwischen – Und da gibt es dann trotz des Bautriebs immer noch viel Wiese, Bäume und Natur so weit man sehen kann. Und wenn man dann gestärkt wieder Richtung Stadt tingelt, merkt man bei allem Wohlfühlen trotz 30 Grad kaum, wie der Schrittzähler bald im Kilometerdreieck springt.

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Großer Garten

Der Clara in Leipzig und überhaupt der grüne Westgürtel mit seinen Wäldern, Ufern und Kanälen ist ja per se das Beste, was eine Großstadt bieten kann. Dresdens Großer Garten mitten in der Innenstadt ist aber eine andere Hausnummer: Die Junge Garde ruht, denn es ist noch früh, aber überall rudern Menschen, schwimmen Enten, versammeln sich Cosplayer, skaten Hobbysportler und irgendwo hinten im Eck gewinnt gerade Dynamo. An der Elbe lädt das Japanische Palais zu seinem eigenen Sommer zwischen Musik, Poetry Slam und Gemäldegalerie. Ein paar Meter weiter schnüren die Filmnächte ihr Willkommenspaket aus Konzerten und Freiluftkino. Und im Gewühl der Augustusbrücke konnte man noch gestern für ein einmaliges Blutmond-Schauspiel inne halten.

…und doch beim Alten

Im Zentrum der Stadt ist vieles vertraut zwischen Altmarkt, Kreuzkirche, Zwinger und Brühlschen Terrassen: Eine barocke Überversorgung, die ganz gut kaschiert, dass viele der Gebäude viel jünger sind als ihr Anschein. Man fühlt sich zurück versetzt in die Zeit aus Pferdefuhrwerken und Fürstenzügen, nur die Menschen sehen anders aus.

Dresden
Blick von der Frauenkirche

Die Frauenkirche steht noch immer, mit all ihren einzelnen schwarzen Mauerblöcken, die aus den Ruinen gefischt, restauriert und so gut es geht an ihrem angestammten Platz mit verbaut wurden. Und das Panorama von ihrer Kuppel bei feinstem Sonnenschein bleibt beispiellos. Nicht weit weg ist die Restaurantmeile der Weißen Gasse zwar noch immer herrlich überteuert, aber auch herrlich gemütlich trotz Junggesellenabschieden.

Und bei allem Drang nach Außendarstellung und Einfangen von Laufkundschaft aus allen Teilen der Welt gibt es immer noch die Neustadt, die ja eigentlich die Altstadt ist und weiter ihre eigene Schiene abseits des unwirklichen touristischen Potpourris fährt. Kneipe an Biergarten an Chill House an Kunsthofpassage, Krämerläden, Graffitis, alte Männer in Frauenkleidern und die Lebowski Bar.

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Kunsthofpassage

Es wäre die perfekte Gelegenheit gewesen, zu testen, ob man in voller Montur (Bademantel, Bermudas, Sonnenbrille, Sandalen) tatsächlich alles zum halben Preis bekommt. Aber auch abseits solcher logistischen ToDo-Listen hat sich der Zeiger schon ganz weit auf links gedreht. Und während es dunkel und hier erst richtig lebendig wird, sind wir langsam müde von dem harten Tag. Außerdem kennen wir die urbane Subkultur zur Genüge aus Leipzig, nur flächendeckender. So ansehnlich Dresden auch ist, es wird und will nie die Stadt für die jungen Wilden und Jung- oder Wildgebliebenen sein.

Gekommen um zu bleiben

Am nächsten Morgen zieht es uns etwas weiter, auf die Anhöhen bei Radebeul, zum Verweilen unter Traubenreben bei kühler Weinschorle. Es ist ja kein Geheimnis, dass gerade das hügelige Dresdner Umland mit all seinen Möglichkeiten zum Wandern, Klettern, Radfahren, Paddeln den ganz besonderen Reiz der Elbestadt ausmacht. Und überall gibt es diese Orte, die ungehinderte Sicht über die wundervolle Natur ermöglichen, mit Dresden als zwar weitläufigem, aber doch gemütlich-kleinstädtisch verträumtem Fixpunkt. Und die versteckte Winzerei zwischen Spitzhaus und Bismarckturm ist einer dieser vielen Orte, an denen man im Schatten genießen und den Blick schweifen lassen kann und gerade nirgends sonst sein will.

…Aber man muss ja. Ein kurzer Fotomotiv-Abstecher zur Moritzburg bleibt und bald treten wir die Heimreise an. Der Bus ist pünktlich, wir können sogar zusammen sitzen, nur die Wespe an der Heckscheibe nervt. Ein paar Wermutstropfen verharren, auch wenn man ja nach Leipzig zurück fährt. Und wo könnte man besser leben!? Vielleicht ist es ja das Außerweltliche, das aus der Zeit Gefallene, gerne auch das Kitschige, das Dresden so besonders macht. Weil es nicht künstlich und aufgesetzt wirkt, sondern natürlich gewachsen. Eine Stadt, die auch mal stehen bleibt, den Alltag vergisst und sich auf das Schöne an sich besinnt. Und damit immer wieder eine Reise wert ist.

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