Island Reisebericht – Tag 3 – Uh! Uh! Bitte panoramisieren Sie mich!

The 1 – and only!

Hell Ja, Frühstück! Endlich wieder auf Kosten anderer den eigenen Ranzen zuschrauben. Das mag vielleicht im Reisepreis inbegriffen sein, wurde aber schließlich schon im Frühjahr vom Giro gehobelt und was scheren mich Zeitspannen von vor über 10 Minuten. Was ich nicht auf dem Konto sehe, ist nicht da – Treffender kann man die Crux moderner lohnarbeitsgestützter Kapitalgemeinschaften auch nicht fassen. Einmal die „All-you-can-eat“-Option also, nur dass die in den familiären Gasthaus-Mauern eher genügsam ausfällt. Zum Frühsport-Kollaps reicht es also nicht, aber dafür gibt es echt ländliches Buntmüsli mit echt ländlichem Skyr-Gesupse. Skyr, das schreibt sich fast wie Styx, fährt aber nicht mit’m Boot über’n River, sondern ist ein traditionell isländisches Yoghurt-Rezept. Ömnömnöm, ihr Kalorienlein kommet! Länger zu verweilen bringt aber auch keinen Gewinn, der Kellnerin-Multifunktions-Engel von gestern ist schließlich nirgends zu sehen – Und ich dachte, sie hätte die Arschkarte, weil sie für den Sommer die Tagschicht übernommen hat. Außerdem wird’s ein ganz schöner Brocken Strecke heute, nahezu die ganze Südküste entlang, und da sich Bullroc auf lange Sicht eh nicht zähmen lässt, bekommt er halt Auslauf, bis er ausläuft.

Und so zerfurchen wir alsbald die Isländer Ringstraße, die sagenumwobene 1, und tatsächlich die einzige nahezu durchgehend asphaltastische Überlandstrecke der Insel. In unserer Reisebeschreibung  „Entlang der Ringstraße“ haben wir irgendwo unter ‚Gemischtes‘ kurz von ihr gelesen und es erscheint uns Kaltschalen-Genies durchaus ratsam, in ihrer Nähe zu bleiben, um irgendwann irgendwo hin-, an- und auch wieder zurück zu kommen. Also schlagen wir uns nach Osten gen Westmänner-Inseln, was man jetzt aber topographisch auch nicht nachvollziehen muss. Für einen Trip auf die mächtige, im offenen Meer vor sich hin existierende Felslandschaft genügt die Zeit leider nicht – Schade, denn da diese quasi autonomes Papageientaucher-Territory ist, wüsste ich jetzt zumindest, ob die tatsächlich klingen wie Amiga-Pixel, mehr wie Papageien oder halt wie Taucher. Dennoch werden wir belohnt mit aus“ufer“nden (Klasse!) Geröll-Küstenformationen, brausendem Wellengang und pechschwarz-feinstaubeskem Lavastrand. Kann es sein, dass die auf Island tatsächlich dieses Vulkan-Gedingens haben? Und ich dachte, es wollte einfach nur niemand mehr nach Tegel oder Schönefeld fliegen müssen. Mein Mitdelinquent, der die ganze Zeit schon mit Handy in den Flossen so seltsam angewurzelt von Achse West nach Achse Ost zirkuliert, erklärt mir hoffnungslosem Analogphabeten dann auch gleich die Panorama-Funktion meines Smartphones. Noch ahne ich nicht, dass ich ab diesem Moment verloren bin.

Westmännerinseln Lavastrand
Panorama 1: Lavastrand mit Blick auf die Westmännerinseln - und den Kompagnion

Kaltes klares Wasser

Neue Regel: Ab morgen gibt’s keine Wasserfälle mehr. Aber noch ist ja heute, so war das nämlich damals. Also zum Seljalandsfoss (Danke, Google), während Familie Wetter wieder ihre „Alles kann, nix muss“-Paradedisziplin ausfährt. Zum Glück spielt sie verhältnismäßig oft die Sonnen-Karte, was aber auch egal ist, wenn man unter einem 30-Meter-Wasserfall durch bzw. dahinter laufen darf. Merke: Jeans ist nicht gleich Denim, Wasser sticht Baumwolle – Und nur weil man als gelegentlicher Süddeutschland-Hobbytologe die ein oder andere Klamm durchwatet hat, kann man dennoch immer wieder neue Formen von sehr schnell sehr nass kennenlernen. There goes der einzige Kapuzen-Pulli, für den knielangen Parka besteht noch Hoffnung.

Bei Ankunft am Skogafoss – Ist wirklich der letzte Foss, Indianer-Ehrenwort! – mag sich der Eindruck, seit Verlassen des Golden Circles in vermehrt personell untertourisierte Regionen vorzustoßen, so gar nicht verfestigen. Dennoch wird sich hier die Spreu vom Weizen trennen, Kindergarten ist vorbei: 439 Stufen wollen entlang des Sturzflusses erklommen werden, was für die eher couchisch geprägten Zugereisten per se eine schier unüberwindbare Hürde darstellt. Andere versuchen ihr Japsen und Schnaufen mit letzter Kraft in einen Nieder-Dezibel-Bereich zu drücken, in dem sie allerhöchst noch von Fledermäusen entlarvt werden könnten und die gibt’s hier ja nicht. Als selfmade Iron Man stehen sie oben dann aber auch wie angewurzelt auf der eher semi-schönen Weitblick-Stahltrasse, weil für das Bewegen im Allgemeinen die Kraft fehlt. Dabei verpassen die Spaten doch das Allerschönste: Denn hier oben, am König-der-Welt-Deck, geht diese nämlich noch weiter, mit dem Wasserfall von eben in höchst horizontaler Form, dafür kreuz und quer durch endlos weite Wiesen, Berge, Lämmerrudel. Eine Landschaft, wie sie sonst nur bärtige Herren mit Afrolocke und säuselnd-sonorer Stimme im bayerischen Rundfunk hätten zurande zimmern können. Und die Sonne dreht auf wahnsinnige Geschwindigkeit – Moment, zur Abwechslung ein Panorama! Ja, ich mag mich binnen Minuten wehrlos simpelster Bildtechnik versklavt haben, aber alles unter Wide Screen sollte hier mit aller conquistadorischer Härte verfolgt werden.

Skogafoss Landesinnere
Panorama 2: Landesinnere hinter dem Skogafoss

Uh! Uh! Bitte panoramisieren Sie mich!

Vorbei an schier unendlicher Moossteppe, die hier gruselig aber cool ausieht, in dem blöden Australien zum Beispiel nur eine von Millionen Fettspinnen übergezogene Plantage gewesen wäre, erreichen wir mit Dyrhólaey (Ich liebe dich, Google) schließlich das South End Islands, an dem es schnell ganz schön düster wird. Nicht nur, weil dieses Fleckchen Erde an uns schon im Vorfeld mit Gefahrenstufe Orange aufgrund einiger nicht lebend verlaufener Unfällchen herangetragen wurde. Auch, weil es sich rasend flink bis unter’n Rand zuzieht, was so bestimmt niemand angesagt hat, der was zu sagen gehabt hätte. Vor allem aber, weil so ein unwirtliches Fleckchen Anti-Paradies aus massivem Basalt- und Vulkangestein, Unheil verkündender Brandung und majestätischen Steilküsten erst bei schüttendem Regen als fulminant-schmackhaftes Apokalyptus-Bonbon so richtig funktioniert. Kein Zweifel, warum die hier Game of Thrones drehen. Jetzt ein paar weiße Wanderer und ich brauche ‘ne neue Hose. Und wenn irgendwo Jon Schnee ist, schickt den Lappen weg, der weiß eh nüscht, wie soll der uns helfen!?

Gutes Stichwort aber, jetzt müsste ich tatsächlich mal,  also mal wohin. Die tollsten Dinge passieren ja bekanntlich auf dem Klo, und wenn gerade keins da oder noch im Aufbau befangen ist, dann muss halt eins gefunden werden und dann wird sich Herr Bullroc wohl eben diese latent senkrechte Matschserpentine da hochbewegen, wo sich sonst keine geistig halbwegs genesene Spezies Mensch hinwagt. Wie jetzt, wir sind doch nicht ganz die einzigen hier so weit draußen bzw. oben? Mann, mein linker Schnürsenkel entwickelt sich auch langsam zum Walking Gag (Sizilien! Markt! 10€!). Aber Boah!!! Was für eine Sicht bitte. Unbeschreiblich, ich mach’s trotzdem: Links von uns endlos langer schwarzer Strand, vor und unter uns grünste Täler, ganz weit im Landesinnern von hier aus zu sehen die höchsten Gletscher, wolkenverhangen, über uns strahlende Sonne (ganz recht!), rechts das bedrohliche Steinmassiv Dyrhólaey (Copy! Paste!) und hinter uns azurblauer Atlantik. In autistischer Kleinstarbeit stehe ich minutenlang auf ein und demselben Stein – Ich hab den Höchsten! – und filme ein Panorama nach dem anderen. Links nach rechts, rechts nach links, mehrmals vice versa, Komm schon, da geht noch mehr. Dabei kann man die beeindruckendsten Dinge sowieso nicht festhalten...

Dyrhólaey
Panorama 3: Dyrhólaey Steilküste

Wilson!!!

Endstation Hali Country Hotel, ich verliebe mich erneut: 300 Meter hinter uns, wo eben noch flaches Land war, Dinge, die mit „Hügel“ stark untertrieben sind, dann hätten sie auch irgendwo ein Ende, 100 Meter vor uns der Ozean, das Fenster im Zimmer selbstverfreilich Südseite. Dazu endlich Fisch – Ja, nehmt mich ruhig aus wie den Saibling vor mir, danke auch, dass der so unverschämt gut ist, jetzt darf ich das in Deutschland auch nie wieder essen. Dazu das erste lokale Bier, ein Vatnajökull, benannt nach dem riesigen Gletschergebiet, in das es uns morgen verschlägt und demgemäß vorwarnend echt starker Bock-Stoff.

Nach einem längeren Ufer-Spaziergang inkl. Light-Viking springt ein Häufchen Vogel-Klumpen vor uns auf den Weg und scheint uns zielsicher durch die Irrwege nach Hause odyssieren zu wollen. Wir nennen ihn Wilson. Plötzlich aber dreht dieser Federhaufen scharf ab, kommt auf einem Schuppen zum Stehen und schnabelt die geschätzt 200 desinteressierten Möwen auf dem Feld dahinter voll. Als die sich dann aber wie angestochen in die Luft bewegen, um dem Suspense-Altmeister Respekt zu zollen, wird es für uns doch Zeit, schleunigst die Sicherheit der gemieteten vier Wände aufzusuchen. Wahrscheinlich lacht sich Wilson noch heute kaputt, uns Vollprofis geradewegs Richtung Hotel und damit zum unterirdischsten WLAN seit Erfindung des Rades geschleust zu haben. Was für ein Sadist!

Wasser, Land, Gletscher
Panorama 4: Iceland in a Nutshell

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