Meiner Oma – Ein Nachruf

Um ehrlich zu sein liegt es mir nicht, Persönliches auf Papier zu bringen, Gedanken und Gefühle zu beschreiben. Doch geht es hier um einen Menschen, der mich viele Jahre begleitet und mit geprägt hat, wer ich heute bin. Und natürlich sammelt man da Erinnerungen, schöne wie auch weniger gute, die sich unverrückbar in das eigene Gedächtnis einschreiben. Der Garten in Radis wird wohl immer das Unbeschwerteste bleiben, das ich mit meinen Großeltern, meiner Oma, in Verbindung bringe. Es sind diese Momente meiner Kindheit, in denen ich sie wohl zum ersten Mal als Teil meiner Lebenswelt wahrgenommen habe, die Momente, an die ich mich immer am liebsten erinnern werde.

Ich sehe meine Oma, wie sie stundenlang unermüdlich Unkraut jätet, was ich als unglaublich Kräfte zehrend und irgendwie sinnlos empfand. Ich sehe sie Obst und Gemüse ernten, Petersilie schneidend in der Küche der Gartenlaube stehen, überhaupt kommt mir kaum eine Situation in den Sinn, in der sie einfach mal nichts getan hätte, nicht immer am arbeiten, immer am schaffen gewesen wäre. So gerne und sehr sie sich später darüber beschwert hat, nie zur Ruhe zu kommen, kommen zu dürfen, so sehr hat sie gerade das gebraucht, dieses Machen wollen, um den Stunden zwischen Sonnenauf- und -untergang einen Sinn zu geben. Denn auch wenn sie am Ende des Tages müde und erschöpft geklagt hat, glaube ich, war sie dabei doch immer auch ein wenig mit sich zufrieden. Ich glaube auch, dass ein wichtiger Teil von ihr gegangen ist, als sie den Garten gegen den Bungalow in Schlaitz eintauschen mussten. Die Enttäuschung darüber, älter zu werden, die Arbeit nicht mehr stemmen zu können, nicht mehr so zu funktionieren, wie man das von sich erwartet. Dennoch hat es auch hier nicht lang gedauert, da hatte sie sich einen stattlichen Garten gebastelt, und schon hatten ihre Hände wieder unentwegt zu werkeln.

Wenn ich mit meinen Großeltern in Urlaub gefahren bin war sie diejenige, die immer vorneweg ist, der keine Strecke zu weit und kein Berg zu steil war, die mit kindlichem Eifer immer wieder etwas Neues entdecken und erleben konnte. Kairo und die Pyramiden an einem Tag, der steinige Weg auf die Akropolis, Schwimmen im Gardasee, mit dem Jeep quer durch die staubige Lavawüste Gran Canarias – Das habe ich wohl von ihr gelernt, dass Urlaub nicht träges Rumliegen und Nichtstun bedeuten muss, sondern dass es eben auch um Erfahrungen geht, etwas für sich mitzunehmen, seine Zeit zu nutzen. Und auch das natürlich ihr Aufbegehren, ihr die Faust in den Himmel strecken und klarstellen, dass ihr eben jene Zeit nichts anhaben kann.

Doch ist es eben auch das, dieses beharrliche Stemmen gegen die eigene Sterblichkeit, sich trotzig der leider so harten Realität verweigern und 100 Jahre alt werden zu wollen, was es ihr unmöglich gemacht hat, die späten Jahre ihres Lebensabends zufrieden zu beschreiten. Denn Zeit ist geduldig und lässt nicht mit sich handeln – und ist dabei selten gnädig. Eine besonders bittere Ironie, dass es dann eben auch zuerst die Arthrose war, die ihren stets und immer arbeitenden Händen die Unausweichlichkeit des Alterns bewusst machte – Doch während ich das noch als natürliche und auch zu erwartende Begleiterscheinung eines Menschen in hohen Jahren verstanden habe – und auf 88 Lebensjahre kann man wahrlich stolz sein – hat sie sich dem bis in ihre letzten Stunden nicht kampflos geschlagen gegeben. Spätestens als sie mir bei meinen kurzen Besuchen dann immer mehr die immer gleichen Fragen gestellt hat, wusste aber auch ich, dass es eben nicht mehr nur die Knochen sind, sondern dass älter werden ein noch ganz anderweitig schmerzhafter Prozess ist – Und dass die sommerlichen Wochenenden in der Gartenidylle und die gemeinsamen Reisen in ferne Länder für immer nur mehr Erinnerungen sein werden.

Meine Oma hat selten ein Blatt zu viel vor den Mund genommen, sie konnte dabei auch unfair und verletzend sein, aber sie hat gesagt was sie denkt. Bei Demenz ist das nur leider nicht mehr so einfach. Glückliche und lebensfrohe Momente weichen immer häufiger jenen innerer Leere und Verbitterung, solange man sich noch bewusst ist, was mit einem passiert und wie wenig man dagegen tun kann. Sie konnte bösartig werden, heftig reagieren, wortlos gehen und alleine durch die Stadt laufen, aber auch wieder zur Ruhe kommen und einfach Oma Krüger sein, mit all ihren kleinen und großen Problemen und neurotischen Eigenarten. Und auch wenn das nicht immer leicht zu verarbeiten und schwer damit umzugehen war, bin ich endlos dankbar, dass ich nie in der Wohnungstür stehen musste und sie mich nicht mehr erkannt hätte.

Was sie aber auch offen und unverblümt und in voller Überzeugung gesagt hat, war jenes: „Wenn die Zeit gekommen ist, will ich einfach umfallen, Deckel drauf und gut!“ Leider bleiben Wünsche aber oft genau das und als sie nach ihrem Schlaganfall die Fähigkeit zu sprechen und sich zu bewegen verloren hatte, war ich mir sicher, es hat sie innerlich zerbrochen. Und wieder hat sie gekämpft, noch im Krankenhaus, hat sich aufgerappelt, ein „Hallo“ hat sie irgendwann schon wieder heraus bekommen. Mit dem zweiten Anfall habe ich sie kaum noch wieder erkannt. Ich wusste, dass hier ihr Weg zu Ende sein wird, schon damals hatte ich mich von ihr verabschiedet. Natürlich habe ich sie noch im Pflegeheim besucht, mit ihr geredet, ihr aus Alice im Wunderland vorgelesen. Und doch, wie ich sie da immer wieder nahezu regungslos liegen gesehen und, wenn sie die Augen auf hatte, die triste, kalte Zimmerdecke habe anstarren sehen, wünschte ich mir nur noch, dass ihr der Wunsch gewährt wird und dass es bitte schnell gehen möge.

Allerorts heißt es, wie wichtig es sei, in Würde altern zu dürfen. In Würde zu sterben, darüber spricht niemand. Hilflos tagein tagaus in einem Pflegebett zu harren, unterbrochen nur von gelegentlichen Besuchen der Familie und von Pflegern, kaum ansprechbar und ohne Nahrung, das ist nicht würdevoll. Besonders nicht für einen Menschen, der vor nichts mehr Angst hatte, als nutzlos und ans Bett gefesselt zu sein. Aber vielleicht war sie es ja doch selber, vielleicht hat sie es doch geschafft, sich aufgebäumt und selbstbestimmt die letzte Reise angetreten. Es ist ein schöner Gedanke, an den ich mich gerne festklammere, dass diese letzte Entscheidung auch ihr gehört hat. Zeit ihres Lebens hat Ruth Krüger alles selbst in die Hand genommen, nichts dem Zufall überlassen, jetzt darf sie ihren Kopf frei machen, die unermüdlichen Hände einfach Hände sein lassen, jetzt kann auch sie sich ausruhen.

Ruth Krüger, geb. Kretzschmar / 19.06.1929 - 22.07.2017

4 thoughts on “Meiner Oma – Ein Nachruf”

    1. Vielen lieben Dank. Bin froh, dass das viele Leute so sehen. Die persönliche Ebene war mir bei dem Text wichtig, wichtiger als einem typischen informativen quasi-rundum-Nachruf gerecht zu werden.

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