Myrkur – Mareridt (Review/Musik)

Die Review zu „Myrkur – Mareridt“ ist Teil der Reihe „Les nouvelles Grandes Dames schwermütiger Rock-Musik“.

Myrkur – Mareridt

Folk / Alternative / Black Metal

15.09.2017 -- Relapse -- 38:17 min

Flucht nach vorn 

Okay, verstanden! Mit Black Metal ist alles Krieg. Nihilismus, Kälte, Menschenfeind. Ist angekommen! Nur vielleicht sollte man in Zukunft das Zupfen an Mamas Hosenrock mit in die Aufzählung nehmen. So spannend, vital und facettenreich die Szene sein kann, so gerne inszenieren sich Teile davon immer wieder als elitärer Sauhaufen komplexbeladener Muttersöhnchen, die nicht damit umgehen können, wenn diese seltsamen Personen mit den Brüsten es wagen, ihnen ihren schwarz gefärbten Sandkasten streitig zu machen. Neuestes Opfer zahlreicher Hasstiraden, die von lächerlichem Troll-Gequengel bis hin zu widerwärtigen Todesdrohungen reichen, ist die dänische Multi-Instrumentalistin Amalie Bruun, die seit ihrer selbst-betitelten EP 2014 unter dem Namen Myrkur auf sich aufmerksam macht.

Doch weshalb eigentlich die ganze Aufregung? Sicher mag es einigen sauer aufgestoßen sein, dass sie nach Erscheinen ihres ersten Longplayers „M“ (2015) vom Arbeitgeber Relapse Records zur Rettung einer ganzen Spielart empor gehoben wurde. Schnell wurden sie aktiv, die selbst ernannten Wächter von Altertum und Moderne, die Grenzzieher zwischen ehrlichem Ideal und verklärtem Hipster-Pathos. Dabei kann es auch weniger um die Musik von „M“ an sich gegangen sein, die es sich als ernst zu nehmendes Ausrufezeichen klassisch-atmosphärischen Black Metals  irgendwo in der Nähe früher Ulver gemütlich macht, aufgelockert durch traditionelle Folk-Elemente und Bruuns Changieren zwischen finsteren Screams und Sanftmut. Neben veredelnden Gastmusikern, bspw. Von Mayhem, war es dann auch Ulvers Kristoffer Rygg, der dem Album eine zweckmäßige Produktion zwischen Klarheit und rauem Charme verpasst hat, um die Fixpunkte in Myrkurs Soundbild zusammen zu führen. Eine spannende Reise, die in ihrer Variabilität auch Künstler wie Alcest großartig umsetzen können, ohne sich derartigen Anfeindungen aussetzen zu müssen. Doch wenn es auch für Myrkurs Talent ein leichtes gewesen wäre, ihren Sound trotz Widerhaken den anerkannten Genre-Konventionen weiter anzupassen, um Neider verstummen zu lassen, geht sie den genau entgegen gesetzten Weg. Sie baut ihren Klangkosmos weiter aus, gibt Folklore und bedächtigen Zwischenspielen Raum zur Entfaltung, fährt die metallischen Anteile bewusst zurück, erdet diese vielmehr in doomig-schleppendem Rock – und entwirft eines der eigenständigsten Werke des Musikjahres. Auftritt: „Mareridt“!

Der vereinnahmende Opener und Titeltrack wiegt den Hörer nicht zuletzt dank Bruuns elfengleichem Chanten in allzu trügerischer Ruhe, mit Einsetzen von „Måneblôt“ brechen sich bald sägende Gitarren, unerbittliche Blast Beats und aggressives Kreischen Bahn. Doch ist das nur der Auftakt, „Måneblôt“ ist ohne Übertreibung ein kleines Songwriting-Meisterwerk und bis dato Myrkurs beste Arbeit. Bald wird das Tempo vollends zurückgefahren, eine Nyckelharpa übernimmt, Bruun trägt die Stimmung mit elegischem Clean-Gesang. Und während die klanglichen Extreme zusammen laufen, entlädt sich der Song in einem wahrhaft hymnischen Finale. Das nachfolgende „The Serpent“ (Bruun singt sowohl englisch als auch dänisch) gibt sich einer tiefbleiernen Schwere hin und rückt Myrkur mehr als zuvor in die Nähe von Chelsea Wolfe. Nicht nur teilen sich beide Künstlerinnen einen thematischen Unterbau – Wie schon Wolfe auf „Abyss“ verarbeitet Bruun auf „Mareridt“ (deutsch: Albtraum) auch den Umgang mit ihrer Schlafparalyse. Die Düster-Rock-Göttin gibt sich in dem hypnotisch-zähflüssigen „Funeral“ höchstselbst die Ehre und erschafft im Duett mit Bruun drei Minuten tiefster Dunkelheit. Doch sind es gerade auch die lichten Kontraste, die „Mareridt“ zu solch einer eigentümlichen Erfahrung machen. Liegen bei dem großartigen „Ulvinde“ verträumte Epik und Eiseskälte noch dicht beieinander, wird ein Stück wie „De Tre Piker“ lange Zeit in wunderschönem Acapella getragen und entpuppt sich „Kætteren“ als mittelalterliches Instrumental. Überhaupt ist es spannend, wie selbstverständlich Harpa, Mandola und Violine  in den 38 Minuten von „Mareridt“ ihren Platz neben schneidendem Tremolo-Riffing, galoppierendem Highspeed-Drumming und zahlreichen Zwischentönen einnehmen, inmitten aller Stühle zusammen gehalten von Bruuns selbstbewusstem, facettenreichem Vortrag.

Immer funktioniert diese Symbiose leider nicht, was der Ziellosigkeit einiger Kompositionen geschuldet ist. So hat das Trommel-Gewitter von „Gladiatrix“ durchaus seinen Reiz, schafft es aber nicht, einen Spannungsbogen aufzubauen. „Crown“ hat trotz seiner stillen Erhabenheit zu wenig zu erzählen um über fünf Minuten zu retten. Und was sich Myrkur mit dem pseudo-creepigen Spoken-Word-Outro „Børnehjem“ erhofft hat, bleibt wohl ihr Geheimnis. Schließlich erweist sich auch die Produktion von „Mareridt“ als unsicher, was die Hervorhebung der einzelnen Teile betrifft: Gerade in den stilleren Momenten kann der Sound atmosphärisch punkten, in den härteren Passagen agiert Bruuns Stimme jedoch überdeutlich im Vordergrund, während die unterdrückte Metal-Instrumentierung nicht den nötigen Punch entfalten kann. Auch wäre es wünschenswert, würde Myrkur in künftigen Veröffentlichungen ihre ambivalenten Stilelemente häufiger zusammenführen als sie in der Tracklist gegeneinander agieren zu lassen. Das klingt jedoch alles negativer als es letztlich gemeint sein kann: Hier gibt es kein verschenktes Potential zu beklagen, vielmehr ist die Musikerin noch immer auf der Suche nach klanglicher Perfektion. Man spürt die Leidenschaft von „Mareridt“ an jeder Stelle und weiß, wie viel mit einer etwas fokussierteren Herangehensweise noch möglich ist. Schon jetzt ist Myrkur aber ein nahezu einzigartiges und mutiges Album gelungen, welches sich zu keiner Sekunde anbiedert und auf eine große Zukunft der Amalie Bruun hoffen lässt.

  1. Mareridt
  2. Måneblôt
  3. The Serpent
  4. Crown
  5. Elleskudt
  6. De Tre Piker
  7. Funeral (feat. Chelsea Wolfe)
  8. Ulvinde
  9. Gladiatrix
  10. Kætteren
  11. Børnehjem

Highlights:

  • Mareridt
  • Måneblôt
  • Funeral
  • Ulvinde
Bewertungssystem 4.0

Myrkur - Ulvinde (Official Music Video)

2 thoughts on “Myrkur – Mareridt (Review/Musik)”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.