Wenn man AMSTERDAM richtig liest, steht da MASTDARM

Aus der Kategorie „Meine Freundin hat sich gewünscht, dass zu Weihnachten wieder ein Blog-Beitrag kommt“. Ist vielleicht nicht sonderlich weihnachtlich, aber künstlich aufregen kann ich nun mal am besten. Frohe Weihnachten, Hase!

Amsterdam! Perle Nordwest-Baldunterwasser-Europas. Epizentrum von Moderne, Bohème und Freigeistigkeit. Und wer nicht bei mindestens zwei der drei letztgenannten Begriffe prophylaktischen Juckreiz im zuckenden Kleinhirn verspürt: Aufgemerkt, hergehört und hingelesen! Amsterdam ist eines DER Hot Topics junger Menschen und junggebliebener Halb-Verwehter. Hip, schreiend lässig und liberal bis zur Duttkrempe. Disneyland mit Gras, Grolsch und Grachten. Ein Paradies des Schön- und Scheingeistigen, glitzernd wie Las Vegas und inhaltsleer wie die Taschen der armen Seelen an dessen einarmigen Banditen.

Amsterdam
Fahrrad

Im Flutlicht glänzt Amsterdam höchstens als einer der prätentiös-unfreundlichsten Flecken Land der westlichen Hemisphäre – und als Deutscher spielt man in der Hinsicht gerne Schmerzgrenzen-Limbo. Kaum jemand in der Amsterdamer Innenstadt geht als nur halbwegs umgänglich durch, Zugereiste wie Einheimische und Passanten wie Dienstleistungssgewerbende eingeschlossen. Als Radfahrer lernt man instant, Radfahrer bis auf die Kopenhagenwaden zu verteufeln, wird im Dutzend billiger umgeholzt und formschön als menschliche Slalomstange umfunktioniert. In dem noch im Spätsommer undurchdringlichen Menschenauflauf wird man öfter angerempelt als im Metalcore Moshpit. Gefühlt jeder ist mies gelaunt, auch und vor allem die Kiffer auf unzähligen austauschbaren Treppenaufgängen. Statt Coffee Shop Romantik wird phlegmatisch Löcher starrend am Joint gezogen, als wäre das ganze Leben schon längst am geröteten Auge vorbei gezogen. Und den ewigen Tütengeruch in der Luft finden irgendwann auch nur noch Touristen in bunten Sonnenbrillen und Jamaica-Batikshirts wirklich atemberaubend.

Amsterdam
Fahrrad mit Gracht und Schaf (Schaf wird nicht erklärt)

Und zu Fuß kommt man auch nicht raus aus dem pittoresken Wahnsinn. Ein Moloch, geschickt in Tarnfarben aus engen Kanälen, putzigen Brücken und schmalen Puppenhäusern kaschiert, die nur für kurze Zeit davon ablenken können, dass es innerhalb des Grachtengürtels keine Entschleunigung gibt, keine Ruhepole, keine Grünflächen. Bis zum Vondelpark ist es je nach eigenem Standort ein nicht endendes Minenfeld aus immer gleichen Schickeria-Ladenpassagen, und in dem eigentlich recht ansehnlichen Parkareal wird man letztlich auch nur erdrückt von Iron Mans mit Fitnesstracker-Lebensabo, Sonntag-Morgen-Aerobic-Selbstdarstellern und Rennradlern mit Tour-de-France-Ambitionen. Eine perverse Dualität aus Selbstoptimierung und enthemmtem Konsumwahn, eine filmreife Dystopie von Turbokapitalismus im Endstadium. Klinisch sauber und für alle vorzeigbar, Hauptsache nicht anfassen!

Amsterdam
Rijksmuseum, auch mit Schaf (Theorien zu Schaf bitte in die Kommentare)

Außer natürlich bei der absurd hoch gehaltenen Schmuddelfahne frei zu erwerbender ‚Liebe‘. Um ernsthaft die Legalität von Prostitution oder die Akzeptanz allerlei chemischer Muntermacher als vordenkende Weltoffenheit zu deklarieren, muss man zum Einstimmen aber auch schon sehr viel geraucht haben. Für viel mehr scheint sich Amsterdam aber auch nicht zu interessieren: Das Essen ist mittelmäßig, schäbige Hotelzimmer gnadenlos überpreist, Cafés und Restaurants tauschen Gemütlichkeit gegen Profitmaximierung. Die eigene Vergangenheit wird desinteressiert beiseitegeschoben, solange sie nichts mit international Aufsehen erregenden Exponaten aus Malerei und bildender Kunst zu tun hat und optimalerweise „van Gogh“ oder „Nachtwache“ heißt. Selbst nach einem ausgiebigen Besuch des Rijksmuseums hat man nahezu nichts über die Geschichte der Hafenstadt gelernt. Die meisten Informationen nimmt man traurigerweise noch bei einer Grachtenfahrt als DER Standard-Touristenfalle mit, wenn es auch dort in der Regel nie über möglichst überschwängliche Selbstbeweihräucherung hinausgeht.

Amsterdam
Nachtwache

Das ist immerhin etwas, das Amsterdam wie kein Zweiter beherrscht: Zu sagen, wir sind die Geilsten, und waren und werden das auch immer sein. Die oftmals postulierte holländische Überheblichkeit wird hier zur Perfektion getrieben. Die günstige Lage, die Mitgliedschaft zur Hanse, die Rolle der gut vernetzten sephardischen Juden für die Prosperität der Metropole – alles geschenkt. „Wir“ haben das allein aufgebaut, viel schneller und weiter als alle „Mitbewerber“, von Unruhen zur Zeit der französischen Revolution haben wir noch nie was gehört und was heißt eigentlich „Bescheidenheit“.

Amsterdam
Ein schönes Bild

Für Selbstreflexion und Zwischentöne ist in der Sin City Europas kein Platz, besonders wenn es um seine größten Exportschlager geht: Heineken und Anne Frank. Ersteres ist mit seiner „Heineken Experience“ eine fast 20 Euro teure Jahrmarkt-Scheiße inklusive „sich auf Rüttelplatten wie eine echte Bierflasche im Füllprozess fühlen“. Es gibt Kicker, Darts, unzählige Hohelieder auf die Rolle als UEFA-Sponsor und irgendwo mittendrin einen 5-minütigen Part mit langweiligen Wandtafeln, die den unerklärlichen Erfolg der Plörre erklären sollen – übrigens der Teil, den man an der vorigen Kreuzung auch ganz abkürzen kann, wenn man auf so lahme Sachen wie Lesen und Dinge lernen keinen Bock hat. Wenn man sich jedoch am anderen Ende der Niveau-Leiter zum Anne-Frank-Museum aufmacht, sieht man sich bald mit einem mehrstöckigen Glasmonster konfrontiert, welches die Stadt wie eine Geschwulst an den Giebel des historischen Gebäudes gepflanzt hat. Unten Sensor-Drehtüren und Security Checks, in der zweiten Etage offen sichtbar eine Hochglanz-Bar mit Schalensitzen und Macbook-Flair. Pietät: Gibt’s woanders!

Woanders, also in richtigen Städten. Die Städte, die mehr zu erzählen haben als Kiffen, Partys, Nutten kaufen. Die sich kulturell, gesellschaftlich und religiös positionieren und ihre Gäste als Individuen genauso wertschätzen wie ihren Geldbeutel. Es gibt Orte wie Prag und New York, die ungleich überlaufener sind als Amsterdam, und trotzdem entspannter. Hässlichere Exemplare wie Reykjavik oder sogar Dublin, die dennoch viel mehr Flair und eigene Handschrift mitbringen. Von mir aus auch nervtötend laute Stätten wie Rom oder Athen, die allein aus historischer Perspektive noch weit die Nase vorn haben. Höchstens Malé bleibt der vielfach indiskutablere Höllenschlund, den Buffy nie zugenäht bekommen hat, aber für Amsterdam gilt: Es gibt gute Gründe, warum es den Mastdarm bereits im Namen trägt. Zumindest darf es bis auf weiteres gerne dorthin zurück kriechen, das überflüssige „E“ beim Empfang abgeben, bitte nochmal ordentlich durchbacken, ultrahoch erhitzen und schockfrosten. Danke!

6 thoughts on “Wenn man AMSTERDAM richtig liest, steht da MASTDARM”

  1. Mit Theorien, auch Richtung Schaf, tue ich mich schwer, also überlasse ich das gern Anderen. Für mich sind se nur niedlich Punkt. Ok , mal wieder ein sehr guter Reisebericht und ich werde dann mal ein Häkchen an einen eventuellen Besuch dieser Stadt setzen. Danke für die Zeitersparnis. Ich hoffe der Rest von deinem Urlaub war besser. LG

  2. Vielen Dank und dir auch frohe Weihnachten 🙂 Na, mindestens für den unterhaltsamen Blogbeitrag hat sich die Reise noch gelohnt. Freue mich auf weitere Beiträge!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.