Wo die wilden Kerle nicht mehr wohnen – Highfield Festival 2018

Ein Blick zurück

Die Augen müde, die Beine schwer. Die Gedanken beginnen, wehmütig um sich selbst und die vergangenen 3 Tage zu kreisen. Aber noch ist nicht Ende. Die Lichter gehen aus, die Stroboskop-Säulen im Bühnenhintergrund zeichnen schemenhafte Gestalten und Umrisse von Keyboards. Für die nächsten 120 Minuten wird man Robert del Naja und Daddy G nie wirklich erkennen können. Dass Shara Nelson zu den Soundtüftlern hinzu stößt, hört man auch erst, als sie zu ihrer Intonation von „Unfinished Sympathy“ ansetzt.

Und dennoch – oder gerade deshalb – bleibt Massive Attacks Sonntags-Headliner-Slot auf dem Highfield 2006 einer der erhabensten und atmosphärischsten Momente, die mir in 12 Jahren Festival-Vergangenheit in Erinnerung geblieben sind. Voraus gegangen sind viele großartige Stunden, durch die schnell klar wurde, dass dieses logistisch wie hygienisch fragwürdige Zusammenrotten spiel-, spaß- und feierwütiger Bands und Fans unter dem Deckmantel musikalischen Kulturauftrags genau mein Ding werden und bleiben würde.

Der schweißtreibende Auftritt Wolfmothers, Seeds furiose Big-Band-Show unter pechschwarzem Himmel, die familiäre Gemütlichkeit in der ersten Reihe bei Wir sind Helden nach dem heftigen Gewitter-Starkregen. Ich könnte mich treten, weil ich damals mit Kettcar und TV On The Radio nichts anzufangen wusste und die Dresden Dolls als den Gipfel der Geschmacksverirrung empfand. Die gottverdammten Dresden Dolls, gottverdammt! Amanda Fucking Palmer! Aber sei’s drum: 3 Tage gute Laune, nette Menschen, neue Bekanntschaften. 3 Tage kein alter Trott, eine Wirklichkeit des Unwirklichen. Für ewig und immer fort…

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…Schnitt! Im ersten Moment stellt sich mir die Frage, ob ich wirklich so alt geworden bin und zum Zelten zu schwach, dass ich mich Seniorenkolleg-gleich per Shuttle-Bus zwischen Heim und Gefahrenherd hin und her kutschieren lasse. Nur um mich dann in feister Rüstigkeit beschweren zu können, dass der Bus ja nicht näher an die Bühnen heran fährt und man stattdessen jedes Mal über diesen vermaledeiten Camping-Platz latschen darf.

Auf den zweiten Blick stellen sich ganz andere Fragen: Welche Arschgeige spritzt mich hier ständig mit Wasser (hoffentlich!) aus irgendwelchen Plastepistolen voll? Klar, es ist warm, aber könnt ihr den Scheiß bitte einfach lassen? Wie viele Idioten müssen einem hier ständig mitten vor’s Gesicht springen, rumhampeln und auch sonst nichts können außer nerven, provozieren, auffallen wollen, sehen und gesehen werden? Wo sind die ganzen Band-Shirts? Wo sind überhaupt die lässigen Leute, die nicht aussehen, als ob sie gerade zwischen Mucki-Bude und Strand-Techno-Absturz pilgern?

Wieso gibt es nur noch ignorante Penner, die einem in ihrem Tunnelblick immer wieder vor die Füße latschen und nicht im Geringsten auf die Idee kommen, auch mal Platz zu lassen? Und wieso sitzt man mit seinen Zeltnachbarn wie Waldorf und Statler aufgereiht auf der Stange und gafft Andere an, anstatt sich im Kreis miteinander zu unterhalten? Wieso gibt es hier fast nur Leute, denen man liebend gerne ihre debilen Fressen polieren will?

Das Festival-Gelände des 2018er Highfield tut auch nicht viel, um die Stimmung merklich zu heben: Weshalb braucht es ein Riesenrad, wenn es um Musik geht? Wieso dürfen fragwürdige Vereine wie PETA2 hier ihren Stand haben? Was sollen die faustgroßen Steine im Wellenbrecher? Wollt ihr die Leute ins Krankenhaus bringen? Und dann erst diese ständigen „Tipps“ aus den Lauschmuscheln, wo gleich der Erste unzweideutig klar macht, dass Crowdsurfen ein 24-stündiges Festival-Verbot nach sich zieht. Bitte, was???

Zu guter Letzt: Warum muss sich jede zweite Band noch ein drölftes Mal lautstark und unmissverständlich gegen rechts positionieren, was bei einer Veranstaltung wie dieser nichts mehr ist als herrlich bequem und selbstgenügsam. Was soll diese heuchlerische Pseudo-Politisierung? Die Nazis sind nicht hier, wogegen plärrt ihr an?

Der gemeinsame Nenner

Highfield

Gerade Kettcar, die schon mit ihren Texten für die große Moralpredigt prädestiniert gewesen wären, lassen dann aber die Musik sprechen, halten den Ball flach. Nur kurze Worte nach „Sommer ‘89“: „Humanität ist nicht verhandelbar. Weiter im Text!“ – Richtig so! Kettcar sind eines der Highlights dieses Wochenendes, an dem es von Band-Seite zumindest keine wirklichen Ausfälle gibt. Enttäuschend ist gerade Dendemann, ausgerechnet der Dende. Nicht mal, weil er Eins Zwo nicht spielt, sondern weil er auch alle seine Solo-Nummern durch den GBR-Fleischwolf dreht und sie damit nicht besser macht.

Ansonsten liefern Maximo Park, die Editors, Fünf Sterne Deluxe, Fanta 4, Zugezogen Maskulin, Flogging Molly. Die Donots überraschen, weil sie gerade erst für Bad Religion eingesprungen sind und einen Abriss zelebrieren, als hätten 35.000 Menschen nur auf sie gewartet. Lediglich die Hives übertreiben es mittlerweile mit ihrer Larger-than-life-Arroganz. Selbst Mando Diao haben geschnallt, dass das nicht mehr zieht.

Das Problem an den meisten Auftritten ist typisch Highfield: Es ist eine Großversammlung der üblichen Verdächtigen, ohne stilistische Seitensprünge. Mit Künstlern, die meist Festival-erprobt sind und damit souverän, aber routiniert ihren Schuh runter klampfen. Das Highfield hat zwar seinen angenehmen Strand mit amtlich gemixten Cocktails und auch sonst eine kulinarisch überraschend wertvolle Rundumversorgung mit Street-Food-Flair, bleibt darüber hinaus aber eine überraschungsarme Nummer-Sicher-Kiste, die viele Magic Moments liegen lässt.

Ich denke an die morbide Ästhetik Mansons auf dem Hurricane 2007, den passiv-manischen Wahnsinn von Kate Nash und die legendären Rage Against The Machine auf dem Rock im Park 2008. Ich denke an viele Jahre With Full Force mit Ministrys Überdruck-Beschallung, einen der letzten Static-X-Auftritte und der wohl denkwürdigsten Last Supper mit My Dying Bride, End Of Green und Anathema. Und schließlich denke ich an das Stoned From The Underground 2015 und seine ¾-Kyuss-Reunion, bei der natürlich nur Leberwurst Josh Homme wieder einmal „zu Tisch“ war.

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Highfield

Apropos Stoned from the Underground: Die Menschen! Der wohl entspannteste Haufen leicht Beschädigter, den man sich nur wünschen kann. Stoned, betrunken, halbwegs bei Verstand, aber immer relaxt, gut drauf und rücksichtsvoll. Etwas, was die MTV-Festivals nie auf die Reihe bekommen haben: Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, eine große Familie ähnlich gelagerter Teilzeit-Beschränkter. Ein Abstreifen des müden Alltags zugunsten einer sorglosen Parallelwelt, in der die Leute ein wenig mehr so sein können, wie sie es gerne wollen.

Auf den großen Rock am Rings und Southsides waren schon immer reihenweise jene, die Festival-Kultur nie verstanden haben. Und mittlerweile hat auch das Highfield seine geduckte Position verlassen und sich zur Speerspitze des Proleten-Happenings hochgearbeitet. Rotten verhinderter Junggesellenabschiede im Einheits-Look, Selbstdarstellung statt Klatschen, Instagram statt Musik. Immer noch ein Stück lauter und greller als alle anderen. Als 2017 Kraftklub gespielt haben, sind deren Fans Stunden zuvor in Scharen vor den Wellenbrecher getigert und haben sich mit dem Rücken zur Bühne auf dem Ackerboden geparkt, Wege versperrt und Künstler ignoriert. Als der Frittenbude-Sänger irgendwann meint, er würde ihnen ins Genick schiffen, wenn sie nicht gingen oder sich zumindest umdrehten, erntet er Stinkefinger. Der Bodensatz selbstherrlicher Unverschämtheit!

Und wie sehr sie auch in den Vordergrund wollen, um sich noch wichtiger zu podestieren als der Rest, umso mehr sind sie Teil ein und desselben Packs, an dem man schon in der Fußgängerzone nur augenrollend vorbei geht. Und jede Band tut nach wie vor, als werde immer noch die große Party unter Gleichgesinnten gefeiert, auch wenn der Stecker längst gezogen ist. Die wilden Kerle, sie wohnen hier nicht mehr. Sie sind weitergezogen, haben es sich bei den kleinen Festivals gemütlich gemacht. Die mit den wenigen Tausend Querschlägern und Unikaten. Hoffentlich fühlen sie sich dort noch lange willkommen. Denn als sie von den Großen gingen, haben sie die Liebe zur Musik mitgenommen. Und Musik braucht ein Zuhause, genau wie wir alle.

2 thoughts on “Wo die wilden Kerle nicht mehr wohnen – Highfield Festival 2018”

    1. Davon kannst du ausgehen. Da müsste das Highfield schon ein Hammer-Lineup auffahren. Und die Erfahrung hat gezeigt, dass das Highfield so etwas nicht kann. Jemand wie Converge ist halt der seltene Ausschlag außerhalb der Durchschnitts-Skala. Und selbst wirklich Großes wie Faith No More anno 2009 kommt auch nicht mehr.

      In diesem Sinne: Komm mit mir ins Abenteuerland… :p

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