Teenage Angst und die große Leere – Gedanken zu Life Is Strange und Before The Storm (2/2)

Warnung: Der folgende Text enthält teils massive Spoiler zu Life Is Strange und zu seinem Prequel Before The Storm

Wer braucht eigentlich Prequels?

Bald kristallisierte sich heraus, dass Dontnod an einem vollwertigen Nachfolger von Life Is Strange werkeln. Und die zahlreichen Fans dieses Überraschungs-Hits bettelten und flehten, dass sie sich etwas Neues einfallen lassen und Max und Chloe ruhen dürfen. Mittlerweile wissen wir, dass die Entwickler auf ihre Anhänger gehört haben und mit der Story zweier Brüder auf der Flucht nach niederschmetternden Ereignissen augenscheinlich alles richtig machen. Und doch schien der Erstling nicht auserzählt: Wo Max nie wirklich eine Vergangenheit um ihre Zeit in Seattle gewoben bekam, hätte Chloes Werdegang schon im ersten Teil Folianten füllen können. Der Unfalltod von William Price, das schwere Los ihrer Mutter Joyce und der reaktionäre Stiefvater David Madsen, der das wackelige Heim der Familie scheinbar an sich reißt. Dazu Chloes Abkehr von der Arcadia Bay High School, ihre Verstrickungen in Drogen- und Kriminellenkreise rund um halbseidene (und dennoch vielschichtige) Gestalten wie Frank Bowers.

Und schließlich ihre Ersatzfreundschaft und zarte Liebesbeziehung zu dem All-American-Girl der Schule mit ihren dennoch finsteren Geheimnissen und Ausbruchsgedanken – Rachel Amber. Die Rachel Amber, die mit Chloe einen geheimen Rückzugsort im örtlichen Junkyard gefunden hatte. Die Rachel Amber, die entführt und getötet wurde von – Mark Jefferson. Deren Überreste Max und Chloe finden werden, auf eben jenem Schrottplatz – in einer qualvollen Szene, in der Chloe Price endgültig zerbricht. Diese 19-Jährige, die in ihrem jungen Leben schon so viel erdulden musste. Die von bösartigen Spiele-Designern scheinbar nur geschaffen wurde, um zu leiden.

Sie hat jetzt ihren ganz eigenen Moment. Und reihenweise wurden Nasen gerümpft, ob es überhaupt ein Prequel geben müsse, ein Life Is Strange 1.5. Und ob das nicht alles nur Geldschneiderei wäre. Und überhaupt, die Entwicklung haben Dontnod dem Team von Deck Nine überlassen, was soll da bitte groß rum kommen!?

…und noch ein Schritt weiter

In etwa ziemlich genau die Geschichte, die Dontnod ohne den intensiven, mit übernatürlichen Elementen Aufmerksamkeit erregenden Vorgänger nie hätten verkaufen können. Das Konzept Coming-of-Age in Videospiel-Form zu Ende gedacht und ein stilles Highlight mit ruhiger Regie. Ein Spiel, welches jeden überflüssigen Ballast beiseite wirft und bedächtig von Verlust, Versagen, Weltflucht, Teenager-Ängsten und der Bürde des Suchens in einer Realität allseitigen Chaos berichtet. Before The Storm setzt nie zur großen Geste an, um mit allen Mitteln zu fesseln und mitzureißen, weil es das schlicht nicht will. Es will über Chloe Price schreiben und Verständnis zeigen für die wirren Wege, die eine Heranwachsende im Kraftfeld erschütternder Erlebnisse aus und über jede Bahnen werfen kann. Und es will Licht bringen in das Mysterium Rachel Amber – das Mädchen, das scheinbar alles hat und alles erreicht, diesen letzten Rettungsanker der Chloe Price.

Schnell steht außer Frage, dass Dontnod in dem gesamten Entstehungsprozess ihre schützende Hand über Before The Storm gehalten haben. Oder aber waren es doch Deck Nine selber, die offen ihre Verehrung gegenüber den Life Is Strange-Machern kundtun und meist genau den richtigen Ton treffen? Before The Storm schafft es einerseits, für Chloe Price trotz ihrer offensiven, rebellischen Attitüde ehrliches Verständnis zu erzeugen, sie reifen zu lassen und damit dem Prequel seinen Stempel aufzudrücken. Und sie lassen der Ambivalenz Rachel Ambers im Laufe der drei Episoden immer freieren Lauf zwischen sanftmütig und cholerisch, pragmatisch und aufgewühlt, aufrichtig und manipulativ. Wieder kein Sympathieträger und wieder deshalb so real.

Melancholia

Freilich trägt Deck Nine viele Krücken des Originals weiter: Wo die Mimik Fortschritte macht, wirken die Bewegungen immer noch oft unbeholfen. Die Sprunghaftigkeit der Erzählung hat sogar zugenommen, weil viele bekannte Figuren hier und da für den Wiedererkennungswert auftauchen, ohne für den roten Faden bedeutsam zu sein. Vielleicht eine leise Angst, mit der nahezu völligen Reduktion auf zwei weibliche Spätjugendliche in ihrer emotionalen wie sexuellen Findungsphase zu weit über das Ziel hinaus zu schießen? Wo sonst der Fokus doch ohnehin klar auf der Beziehung der zwei Mädchen zueinander liegt? Denn es gibt natürlich immer noch die minimalen und größeren Qual-Wahlen und Entscheidungen, die jedoch nie die kalte Wucht des Erstlings entfalten. Man kann das negativ sehen, wird Before The Storm so aber nicht gerecht. Man weiß, wie es mit den beiden ausgeht, sodass zu große Hakenschläge und Was-wäre-wenn-Situationen weit vom eigentlichen Kern des Spiels ablenken würden.

Und dieser Kern ist – zumindest für Kenner von Life Is Strange – ein permanenter Schleier trauriger Melancholie: Eine Totenmesse zweier scheiternder Charaktere, die sich mit aller Kraft gegen ihr persönliches Verderben wehren und doch durch all ihre Handlungen ihren unabwendbaren Untergang herbeiführen werden. Mit weniger Fingerspitzengefühl hätte sich Before The Strom leicht dem Vorwurf des Voyeurismus aussetzen können. Die letzte Einstellung der 17 verpassten Anrufe auf Rachels Handy im Keller von Jeffersons „Fotostudio“ hätte es auch nicht gebraucht, außer als Teaser für Nichtkenner des Vorgängers. Das Spiel selbst endet nämlich eigentlich viel früher, nur drei Tage nach dem Kennenlernen der zwei Querköpfe, mit einer splitternden, aber im Kleinen dennoch halb-heilen Welt. Gerade dadurch ist Before The Storm ein aufrichtiges Werk, in seiner unaufgeregten Natürlichkeit vielen großen Titeln die lange Nase zeigend und durch seinen gänzlich anderen Tonfall rechtmäßig Platz neben Life Is Strange einnehmend. Eine ungewöhnliche Erfahrung. Sanft, verträumt, ungeschliffen. Prequels? Bitte mehr davon!

zu Teil 1:

Life Is Strange: Before The Storm - Trailer (Official)

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