Island Reisebericht – Tag 8 (mit Epilog) – Blanke Nerven, blanke Beine

Tag 8 – Blanke Nerven, blanke Beine

Die paar Stunden Schlaf, die uns Metropol-Wanderern noch bleiben, bringen natürlich rein gar nichts, wenn man 2 Uhr völlig übernächtigt (und im fast hellen Zwielicht) den Rückweg gen Keflavik International Airport antritt. Der Gedanke an den Inhalt der uns zustehenden Breakfast-Takeaway-Box schmerzt immer noch zu sehr, um davon berichten zu können. Also gut, Bullroc: Verdreckt und vollgeschnoddert, mit 1.700 Kilometern auf dem Tacho, gezeichnet, doch ungebrochen – Bring uns nach Hause, Junge! Der per se durchaus entspannende, an Islands Großflughafen jedoch derart kopf- und planlos um die Ohren gezwirbelte Zwang zum Self-Check-In und Baggage-Drop-Off wirft das schlaftrunken-wankende Gemüt vollends aus der Landebahn, sodass der bedenklich frühmorgendlich geäußerte Wunsch nach einer der Gesamtsituation entsprechenden Ladung Flaschengerste bald ohrenbetäubend laut wird. Ein erneuter Kurzbesuch von Kumpel Realität lässt die geberfreundlichen Brieftaschenfinger bei Kurzinspektion der Duty-Free-Preisekarte atomarisch schnell wieder in der Sicherheit der eigenen Hosentaschen verschwinden – Genau genommen reicht die Zeit ja nicht mal mehr für Kaffee. Und fahrt mir doch nicht alle in die Hacken, mir doch egal, dass das keine Absicht war. Aargh! Der Stresspegel sprintet in nur allzu bekannte Sphären...

Memo an mich: Nie wieder erste Reihe im Flugzeug! Wir hatten uns das freilich nicht ausgesucht, uns aber in seliger Unwissenheit durchaus auf das Mehr an Beinfreiheit und das Weniger an nervigem Vordermann bzw. -frau oder -kind gefreut. Jetzt genügt der Fuß- und Wadenstauraum dort aber ebenso wenig dem konzentrierten Körperstrecken, und weil da anstatt Sitz nur unüberwindbare Hartplaste-Wand harrt, mag das nicht einmal für einen kurzen Moment im bodennahen Gelände gelingen. Zudem rammeln die Flugfolter-Beihilfen ständig mit ihren Fressalien-Apparaten an einem vorbei und sorgen durch permanentes Auf- und Zuziehen des meines Erachtens völlig sinnbefreiten Pilotenkabinen-Grenzvorhangs für hilfloses Verheddern der sizilianischen 10€-Bergsteiger-Boots. Und so ziemlich alle der offensichtlich Prostata-Gestörten rennen grundsätzlich in das Vorderareal der Großraumzelle – Aber wenn man dem Method Acting zum Thema Sicherheitsvorkehrungen schon nicht lauschen muss, bekommt man von dem überdeutlichen Hinweis auf das Notdurftkabuff in Arschnähe des Fliegerzäpfchens freilich auch nichts mit. Die viel zu langen Beine der viel zu attraktiven schwarzhaarigen Stewardessinnen-Isländerin nahezu pausenlos im Blick haben zu dürfen, geht an anderer Stelle vielleicht als Happy-Pille durch, hilft hier aber kaum über den übermüdeten, viel zu unchristlich überfrühen, kaffeelosen und schlecht gelaunten Morgen hinweg. Auch hört man da vorne Geräusche, die aus gutem Grund im Rest der Engraum-Kabine auditiv unterdrückt bleiben – Und den offensichtlichen Fast-Achsbruch beim Aufsetzen kann nicht mal mehr Long-Legged Black Hair Beauty ohne augenfälliges Stirnrunzeln wegstecken.

Aber gut, geschafft. Kontinentaler Boden unter unseren Füßen. „Endlich“ wieder Gegend, ein Glück, heimelige Ödnis. Und Schönefeld ist auf den zweiten Blick ja doch ganz witzig, zumindest bis es das elendig farblose Tunnelsystem und die nicht enden wollende Wartezeit an der abbruchreifen Gepäck-Abnahme wieder auf sehr lange Zeit sehr, sehr peinlich werden lassen. Der übervolle Flixbus schiebt sich durch ewige Großbaustellen, doch bald wird Leipzig uns wieder haben. Dieses Mal ohne Regen, sondern tatsächlich und ungehindert prächtig. Und das Staunen der offenbar ortsfremden Passagiere, als wir uns an Gewandhaus, Oper und Universität bei kunterbuntem Beach-Volleyball-Turnier vorbei schieben, ist schon echt süß. Die Stimmung steigt, auch zu Hause kann schön sein, besonders wenn einen die gemütlichen, dachgeschossigen vier Eigenwände ohne vorherige Zwischenfälle so herzlich empfangen. Und müde bin ich auf einmal aber so gar nicht mehr. Spielen heute Abend nicht noch Vincent und Danny Cavanagh von Anathema im Geyserhaus? Ich muss mal kurz telefonieren…

Epilog

Flüsse. Seen. Meer. Wasserfälle. Geysire. Fjorde. Watt. Lagunen. Thermalbäder. Schwarze Strände. Steilküsten. Kies. Geröll. Lavagestein. Ödnis. Steppe. Felsen. Hügel. Krater. Berge. Gletscher. Schwefel. Schnee. Regen. Wind. Sonne. Wald. Wiese. Blumen. Moos. Fisch. Pferd. Kuh. Schaf. Schaf. Schaf. Wal. Papageientaucher. Scampi. Lachs. Lamm. Black Angus. Bier. Brennivín. White Russian. Auto. Rauf. Runter. Flach. Viel zu steil. Kirchen. Museen. Penis. Punk. Party. Weiß. Grau. Schwarz. Blau. Noch blauer. Grün. Noch grüner. Gelb. Orange. Rot. Violett.

Nur wenige Meter braucht die Insel, um zwischen karger Ebene und umwerfendsten Landschafts-Panoramen eine Schnellreise durch Europa, die USA und Australien zu ermöglichen und dem Entdeckerauge die unbegrenzte Vielfalt der Natur unverrückbar und auf ewig in das Gedächtnis einzuschreiben. Island ist jedes Gemälde, das Bob Ross je gemalt hätte. Wer einmal Island gesehen hat, vergisst Island nicht – und wünscht sich nichts mehr, als zurückzukehren, nur noch einen weiteren Blick erlaubt zu bekommen, um all das mitzunehmen, was man unmöglich in der kurzen Zeit zuvor mitnehmen konnte. Auch ich werde Island erneut bereisen. Vielleicht erst nach einer glücklichen Verkettung unglücklicher Falschbuchungsumstände zu meinen Gunsten. Vielleicht mit einem massiven Gelände-Allrader in das harsche, unberührte und gefährliche Hochland, vielleicht im bittersten Winter, um das Naturspiel der sanft smaragdgrünen Nordlichter zu bewundern, aber ich werde wieder dort sein. Irgendwann.

Ja, man muss Geld einplanen. Viel Geld. Ja, es gibt Touristen. Touristen, die nicht weniger werden, den Status als Geheimtipp hat die Insel längst verloren. Und dennoch ist die Erfahrung Island kaum in Worte zu fassen, und wenn man noch so viele Seiten semi-informativen Nonsens dazu verfassen mag. Island ist der Ruhepol, der Rückzugsort für alles, nach dem man sich in der alltäglichen Hektik sehnt, keine spießige Landlust, sondern befreite ewige Weite und Unberührtheit, die einen berührt. Und wenn ich den einen oder die andere für einen Besuch dieses eigenwilligen Kleinods erwärmen konnte, dann haben diese 10.848 Worte ihre Bestimmung. Denn Island ist Schönheit. Island ist Atmen. Island ist Leben. Island ist Island.

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1 thought on “Island Reisebericht – Tag 8 (mit Epilog) – Blanke Nerven, blanke Beine”

  1. Ach ja, diese ganze Rückführaktion ist mir nur noch ganz unterbewusst in Erinnerung geblieben (also an die leider verheiratete Stewardess kann ich mich noch erinnern). Das lief alles nur so im Halbschlafmodus ab…

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