London Diary 3 – The Good, the Bad, the Ugly

Kleine Planänderung: Damit die paar Texte des London-Reiseberichts nicht zu weit auseinander liegen, ersetzen sie jetzt jede zweite Woche die Kolumne. Was auch ein wenig damit zu tun haben könnte, dass die Kolumne ja doch meist aufwändiger ist und dafür momentan eher wenig Zeit bleibt. Es ist schließlich Sommer!

London zelebriert liebend gerne das Extrem, die Maßlosigkeit, den Überschwang. Im Kern wie jede andere Weltstadt auch, aber in kaum einer anderen Metropole der westlichen Hemisphäre wird vergleichbar übergeschnappt gewerkelt, gebaut und verfallen gelassen, wie und wo es gerade passt. Vieles davon bekommt man bloß nicht mit, weil man den halben Tag in der Tube steht, um überhaupt irgendwie voran zu kommen. Jene Tube, die im Gegensatz zum überirdischen Perma-Wandel übrigens immer noch genau das gleiche klapprige, Luft-befreite Klaustrophobiker-Zäpfchen ist wie seit Generationen, nur eben mit noch mehr Menschen. Aber das nur am Rand…

So steht unser soziologisches Apartment-Feldexperiment inmitten des eher dürftigen Zentrums der Tower Hamlets mit wahrscheinlich sehr undürftigen Mietpreisen. Mit den Glaskolossen der City of London direkt westlich, den Hipsterecken von Whitechapel im Norden, südlich den rundum sanierten Lofts der ehemaligen Docklands und dem frisch gepellten Völlerei-Business-Mekka der Canary Wharf im Osten. Stepney, unser Viertel für die nächsten Tage, kann daher noch so viel schmuddeligen Kleinhandel, alte Backsteinhäuser und Migranten-Schmelztiegel auf den Tisch bringen, von den sozialen Brennpunkten der Londoner Vororte ist diese Umgebung meilenweit entfernt.

London
Natural History Museum - Mit Hund und Erdball

Dennoch erscheint uns der Kurzbesuch im südwestlichen Kensington wie ein Lied aus Eis und Feuer: Alleen, Museen, schicke Reihenhaus-Villen, die trotz reichlich Spießigkeit zumindest bei mir Eindruck hinterlassen. Apropos Museen: Hinter einem imposant-altertümlichen Gemäuer verbirgt sich das Natural History Museum, durch das man schneller als erwartet durchgebingewatched ist, weil man wahlweise vor haushohen Dinosauriern oder zu vielen zu plärrenden Bälgern die Flucht ergriffen hat.

London
Beware of Dinosaurs

Um der Bonzenkrone aber noch den Scheinheiligenschein aufzusetzen, zieht es uns weiter zum angrenzenden Knightsbridge ins sattsam bekannte wie mystisch verklärte Harrods. Das sieht von innen noch genauso extravagant dröge aus wie vor 15 Jahren, mit geschätzt 50% Handtaschen-Läden, 40% Parfümerien und 10% überteuerten Gift Shops. Die Toiletten-Areale hat man dabei gleich ganz vergessen, aber zumindest haben sich irgendwo in der Post-Post-Moderne-Apokalypse noch ein paar Reihen Bücher versteckt. So kann wenigstens die Neil-Gaiman-Privat-Bibliothek mit Stardust und The ocean at the end oft the lane aufgestockt werden, bevor wir dann doch die Beine in die Hand nehmen. Das muffige Eliten-Schubsen hat dann auch der Süßen eher gemischt gefallen.

Glücklicherweise gibt’s am nicht weit entfernten Piccadilly Circus nicht nur ein Pizza Hut zum melancholischen Erinnern an die wenigen finanziell besser aufgestellten Studententage, sondern auch das edle Fortnum & Mason für wesentlich strahlendere Augen bei meiner kleinen Shopping Queen. Und auch wenn sie am Ende nur ein wenig Earl Grey ins Handgepäck befördert, kann ich ihre Faszination ein Stück weit nachvollziehen. Natürlich ist hier nichts günstige Discounter-Stangenware, aber alle Devotionalien sind liebevoll aufgebaut und arrangiert und trotz gehobenen Niveaus fühlt man sich gleich viel familiärer aufgehoben als in dem aalglatten Luxus-Tempel zuvor.

London
British Museum

Aber gut, Einkaufen gehen kann man auch bei Rewe – Und wenn man das mit den Museen einmal anfängt, dann bringt man es auch lieber gleich zu Ende, um sich für den restlichen Urlaub von dem Kulturschock wieder erholen zu können. Im British Museum gibt es dann auch alles, nur keine britische Geschichte. Dafür viel Japan, viel Ägypten, viel wenig Übersicht und ein Stück vom Rosetta-Stein, der deutlich erkennen lässt, dass dem Schreiber irgendwann der Platz ausgegangen ist. Aber 4pt lassen sich auf einem anständigen Drucker ja immer noch gut lesen. Für meine Übersetzer-Königin ist das natürlich was ganz Tolles und ich greife dabei noch ein ebenso tolles Bild mit ihr und Stein ab – auch wenn sie das freilich anders sieht und ich es deswegen hier nicht veröffentlichen werde.

London
Stein mit Buchstaben

So ein Ritt durch Jahrtausende Geschichte lässt einen neumodischen Tageszyklus dann auch ganz schnell das Zeitliche segnen – Und weil man in so einem langweiligen Provinzler-Nest wie London nach 18 Uhr nichts mehr großartig machen kann (*Ironie aus*), bleibt irgendwann nur noch der obligatorische Weg in den Pub. Ein Gang durch Whitechapel bringt wenig Freude, besonders da Engländer unsinnigerweise Gefallen daran zu finden scheinen, in Menschentrauben dicht an dicht vor überfüllten Etablissements ihr kalt Gehopftes im Stehen an Abgas-umspülten Vielfahrer-Straßen einzunehmen. Da hilft auch der der klingende Name „Ten Bells“ als einstiger Jugendtreff von Jack The Ripper nicht wirklich weiter.

Bester Pub Londons (Fakt!)

Aber Google Maps weiß ja bekanntlich auch und vor allem dann Rat, wenn man gerade nicht zu Hause ist und schleust uns geradewegs zum Prospect of Whitby in den Docklands unweit unserer Nachtbleibe. Dort erwartet uns dann nicht nur genau die urig-gemütliche Atmosphäre mit sympathischen Barkeepern, die man sich im Bestfall nur wünschen kann, in dem traumhaft versteckten Freisitz unter einer Jahrhunderte alten Trauerweide direkt am Ufer der Themse könnte man glatt den ganzen Urlaub verbringen. Da darf man dann auch gerne zum Guinness-Klassiker greifen, der das kontinentale Pendant zur abgestanden Pissplörre degradiert. Und dann weiß man auch ganz schnell wieder, warum man insgeheim eigentlich hier her kommen wollte. Cheers!

Cheers!

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