London Diary 4 – All Points East

Das Londoner East End mag nicht der distinguierteste Teil der Metropole sein, aber die bodenständige, kulturelle Vielfalt ist bedeutend näher am Puls der Weltstadt als der kalte Glasbeton der City oder der parallelweltliche Reihenhaus-Chic jenseits Buckingham. Deshalb gibt es hier auch noch jede Menge Ramsch- und Garagenläden, die Hälfte davon auf unbestimmte Äonen verbarrikadiert, Imbisse aus aller Welt, Methodisten-Kirchen und Community Centres und … Märkte.

Ein besonders faszinierendes Exemplar ist der Borough Market am südlichen Themse-Ufer direkt unter den rumpelnden Hochgleisen des Londoner Tube-Verkehrs. Man kann hier gar nicht anders als auf seine Kosten kommen, zumindest wenn man auf international preisgekrönte Händlerscharen mit Brot, Käse, Fudge, Fisch, Jelly Beans, Wein, Gin, Pie, Soul Food, Doughnuts, Ziegenmilch-Eiscreme, Räuchersalami, Oliven, Focaccia, Lamm, Bratwurst, Halloumi oder oder oder steht…

London
Borough Market

Mit etwas Cinnamon-Chocolate-Orange-Fudge, Blue-Shropshire-Käse für 40 Pfund das Kilo, Pumpkin Bread und Magdoo-Pie im Magen geht es alsbald wieder zurück, nur kurz in die eigenen vier Wände – Denn wir haben ja ohnehin nicht nur verschlafen, sondern im Allgemeinen wieder einmal wenig Zeit. Unter Umständen noch viel weniger Zeit, sollte die nachbarliche Nerv-Heulboje von heute früh am nächsten Morgen immer noch randalieren. Dann werden alle Sachen gepackt und wir ziehen ins Hotel, so wahr ich hier schreibe!

Aber wir wollen ja zum „All Points East“, Londons brandneuem Übersuper-Hipster-Dance-Pop-Indie-Festival der Coachella-Veranstalter im beschaulichen Victoria Park und damit zu dem eigentlichen Grund unserer Reise. Das Blöde daran: Wieder… viele… Menschen! Das Schöne: Die sind weit weniger gestresst und wir müssen auch nicht so viel laufen. Zumindest glauben wir das, denn das Gelände mit seinen sieben(!) Bühnen, Arenen, Clubs und Tanz-Stages ist riesig und irgendwann auch ziemlich gut besucht. Herzlichen Dank an die großen Bildschirme, geschickt verteilte Boxentürme und die für ein Festival geradezu ausgezeichnete Essensversorgung. Zwischen Churros, Mac ’n Cheese, Falafel, German Krakauer, Grilled Cheddar Sandwiches, Jamaica Lager und Maltsmith IPA gibt es Dutzende kulinarische Hot Spots, um nachhaltig und über Tage die Plauze vollzuspachteln.

London
All Points East Line Up

Weil wir ohnehin spät dran sind, stehen wir letztlich bei gar nicht so vielen Bands die mittlerweile unter Volllast laufenden Füße breit. Was ich von den „Young Fathers“ halten soll, wird für mich wohl auf ewig ein Rätsel bleiben. Dass ich von James Murphys „LCD Soundsystem“ doch weit mehr kenne als angenommen, überrascht nicht wenig (Und sie spielen „Get Innocuous!“, Yaaay!). Bei der Italo Disco von „Chromeo“ an der North Stage frage ich lieber nicht genauer nach, dafür geht der 90er-Dance-DJ „(Name vergessen…) in der West Arena durchaus klar, ohne sonderlich mitzureißen. Und von den „Glass Animals“ höre und sehe ich seit dem Urlaub irgendwie ständig was.

Das Wichtigste an diesem Freitag sind aber natürlich die „Yeah Yeah Yeahs“. Und trotz langer Live-Abstinenz hat es Karen O immer noch raus, jede Bühne für sich zu vereinnahmen. Die Band zeigt beste Spiellaune, das Publikum feiert das Trio wie Volkshelden, es gibt viel Konfetti, alle Classics bis zu „Gold Lion“ und ich kann endlich einen lange aufgeschobenen Jugendtraum abhaken. …Ach ja, und der Drummer sieht aus wie ein dauergrinsender Ben Stiller, die wichtigsten Details bleiben halt in Erinnerung.

London
Yeah Yeah Yeahs - Konfetti-Modus

Dennoch: Tag 2, der Festival-Samstag, ist ohne Frage das fettere Kreuz im Kalender! Deshalb sind wir früher da, um möglichst viel Musik und strahlende Sonne mitzunehmen. (Übrigens der vierte sonnige Tag in Folge – Eat this, London-Klischee-Kiste!). Das hat den Vorteil, dass wir Dinge sehen können, die „Her“ heißen, dabei aber statt einer Frau zu fünft sind und alle männlich. Mit ihrem Dance-Indie-Brit-Pop treffen sie auch genau den Nerv der jetzt schon zahlreichen Besucher und sind auch völlig in Ordnung, leider aber ebenso für schnelles Wieder-Vergessen eingeteilt. Vor allem hat die frühe Anreise aber den Vorteil, das große All-Points-East-Sign per Schwenk-Panorama amtlich und ohne zu viele Mensch-Interruptionen für die Nachwelt festzuhalten.

London
Panorama ... again!

Dann kann man noch Sachen wie „Sevdaliza“ mitnehmen, die irgendwas macht zwischen Soul, Grime, Lack & Leder plus Ausdruckstanz, was für meinen Geschmack jedoch zu viel Randomness atmet, um noch als Kunst durchzugehen. Oder die junge Frau mit Alias „ABRA“, die ganz tief im RnB steht und damit zumindest nicht stört. Und dann in jedem Fall „Lykke Li“, die grundsätzlich toll sein muss, weil sie eben Lykke Li inklusive Lykke Lis Stimme ist und damit die West Arena auch bis unter den hoch gespannten Rand voll bekommt. Wobei etwas weniger Dienst nach Vorschrift dieser Wundervolligkeit einer Singer-Songwriterin gut ins schwedische Gesicht gestanden hätte. Nur kann man ihr mit Songs wie „Gunshot“ und „No rest for the wicked“ auch nicht wirklich böse sein.

Lorde - Einfach mal hinsetzen

Zum Glück gibt es ja aber immer noch Neuseeland, es gibt immer noch „Lorde“! …Kurze Pause… Und nachdem der Schreihals hinter uns nach etwa zehn Minuten Auftritt wegen Heiserkeit kapituliert und die MDMA-Kieferkau-Druffis vor uns bald durch Reizüberflutung das Feld räumen, darf Ella Marija Lani Yelich-O’Connor – uff! – auch für uns das liefern, was sie am besten macht und zuletzt schon im Berliner Tempodrom unter Beweis gestellt hat: Viel quasseln, nicht tanzen können, sich die ganze Zeit wie ein Kind freuen, einfach mal hinsetzen, dann lange ganz nah an ihren Fans bleiben, sich in die immer größeren Tanzflächenfüller steigern und einfach großartig sein. Wir stehen ziemlich weit vorne, der Bass drückt, die Sonne geht unter und buntes Licht kann das All Points East sowieso überragend gut.

London
...oder tragen lassen

Lordes glücklich machende Show inklusive verschwitzter Klamotten können die introvertierten Jungs und Mädel von „The XX“ als Headliner auf der Main Stage dann so nicht kopieren – Müssen sie aber auch nicht! Mit ihrem schüchternen Understatement-Pop und zartem Lokalpatriotismus haben die Londoner den Park ohnehin auf ihrer Seite und machen auf der großen Bühne eine viel bessere Figur als erwartet. Für uns die beste Gelegenheit, langsam wieder runter zu kommen. Und trotz Verpassen des viel zu früh gespielten „Crystalised“ mit Stücken wie „On hold“, „I dare you“ und „VCR“ so vereinnahmend, dass wir bis zur letzten Zugabe bleiben. Danke dafür! Und danke an das böse Gewitter, das bis zum letzten Ton brav gewartet und dann auch nur kurz zum Hallo sagen vorbei geschaut hat.

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