London Diary 5 – Not another Hugh Grant movie

Wenn man für ein Musik-Festival die große Reise in die Nation passionierter Minzsoßen-Schlürfer antritt und an irgend einem lichten Moment der Meinung ist, das Ganze doch zu einem Urlaubs-Versuch auszudehnen, der es irgendwann auch durch die Qualitätssicherung schaffen könnte, hat das einen entscheidenden Vorteil: Man muss nach der letzten Band nicht die Sachen packen, sondern kann mit dem Nachtbus durch’s East End klappern und einfach noch ein Weilchen bleiben (Gut, der eigentlich letzte Act an diesem Wochenende wäre Björk gewesen, aber wer will die bitte schon sehen und warum und wer versteht die überhaupt!?).

Der Nachteil: Abgesehen von ein paar glücksbepillt synthetisierten Opfer-Gestalten lief das All Points East ja überragend entspannt von der Rolle – Und jetzt wird man in die allgemein knatschig-unfreundliche Londoner Hektik zurückgeworfen. Ja, unfreundlich! Wie gerne habe ich in meinen jungen Jahren davon schwadroniert, wie zuvorkommend und umgänglich und überhaupt die nettesten Menschen der Welt (nach den Kanadiern, siehe Ryan Gosling!) die Briten seien, solange sie nur auf ihrer vermaledeiten Insel bleiben. Und die letzten zwei London-Besuche konnte das auch so unterschrieben werden.

Und jetzt? Nimmer kann allein der Brexit für die zumindest unterschwellig grassierende Londoner Beiß- und Schießgesellschaft von jetzt herhalten. Ich will ja gar nicht verallgemeinern, aber das softe Cookie-Dough-Fudge-Kleber-Gefühl von damals ist ein wenig abgebröckelt. Vielleicht sind es mittlerweile aber auch einfach zu viele Touristen. Oder Leute im Allgemeinen. Blöd, dass 8 Millionen davon halt irgendwo hin müssen.

London
Camden Market

Unser nächster Halt, der Camden Lock Market im ach so alternativen und eigentlich überhaupt nicht alternativen Camden Town, steht dafür als Sinnbild und verdient – bei aller Vorfreude – nur wenig Worte. (Es wird bald besser, keine Angst…) Unzählige stinkende Fressbuden, noch viel unzähligerer Billig-Touri-Nippes – Und das alles in mindestens dreifacher Sicherungskopie. Ach ja, und ein Mac’n‘Cheese-Bistro mit freien Sitzen, wo man einen Tisch reservieren soll!? Whut?? Camden Lock ist voll, nervig und alles in allem verzichtbar. Schließlich hat der Borough Market zuvor gezeigt, wie kulinarische Rundumversorgung in richtigem Markt-Feeling funktioniert. (Und der Greenwich-Market wird uns morgen noch zeigen, wie das Ganze mit liebevollem Kunsthandwerk fast noch besser geht).

London
Notting Hill

Deshalb zieht es uns bald weiter nach Notting Hill. Das mit dem Film damals, mit der fürchterlichen Julia Roberts und dem noch viel fürchterlicheren… Aber egal! Und hier ist es in jedem Fall leerer, dementsprechend auch ruhiger und sauberer. Klinisch sauber sogar, denn ein paar kleine Gemeinheiten verleiden einen längeren Aufenthalt. Zum einen: Die metaphysische Präsenz von Hugh Grant! Zum anderen: Alle für uns sichtbaren Parkflächen sind abgeschlossen, weil privat verpachtet und damit nicht offen zugänglich. Derartigen Snobismus sieht man selten, aber so eine Reinraum-Spießigkeit eines bildhübschen Geflechts aus viktorianischen Reihenbauten und verträumten französischen Cafés (Die Éclairs!!!) sollen uneingeladene Kontinental-Fremdkörper wohl auch nicht über die Maßen niedertrampeln.

London
Hyde Park
London
Donald + Kids

Irgendwann lässt zu viel elitäres Gehabe aber auch die Haut altern. Und der öffentlich begehbare(!) Hyde Park ist ja nicht weit weg. Hier gibt es nicht nur viel Wiese, Bäume, Wasser, Entenfamilien, Schwäne und Tretboote als filigran geschnürtes Feel-Good-Päckchen, sondern auch einen Straßenhändler mit hundert über hundert kleinen und großen wunderschön designten Holztafeln der gut 7.000 London-Pubs. Und wenn man ihn fragt, kann er zu scheinbar jeder dieser Lokalitäten noch eine Geschichte erzählen. Unser früh und zufällig vor die Nasen gestolperter „Prospect of Whitby“ beispielsweise, den wir so leicht lieb gewinnen konnten, ist mit Geburtsjahr 1520(!) doch tatsächlich der (…und Papa Google bestätigt das…) Älteste der Stadt!

London
Bester Straßenhändler in town

Ehrensache, dass wir dieser Konifere unter den britischen Public Houses noch einen zweiten, eingehend prüfenden Pflichtbesuch abstatten müssen. Und ja, diese urige Hafenkneipe am Themse-Ufer mit der uralten Trauerweide ist offensichtlich ein sehr geschichtsträchtiges Gemäuer. Weniger Ehrensache, dass wir hier noch mit einem Londoner Local ins Gespräch kommen. Ein Mann aus Sussex, mit Wurzeln in Südafrika, der nicht nur für unsere Englisch-Fähigkeiten viel zu gut mit Worten umgehen kann, sondern zu allem Überfluss noch Rechtswesen studiert hat und überaus interessiert an unserem teutonischen Regierungssystem und unseren sozialen Dienstleistungen scheint.

Irgendwann zirkeln wir dann glücklicherweise doch noch in die Small-Talk-Schiene. Dass er allerdings einen Gehstock und dafür keine Füße hat, fällt uns erst nach der Sperrstunde beim Warten auf den Bus auf. In jedem Fall eine interessante Begegnung – Und vielleicht haben wir ihn ja davon überzeugen können, zumindest mal Berlin zu besuchen, da Berlin eben kein Synonym für Lack-&-Leder-Masochisten-Clubs ist. Dass unser Land nie und nimmer so kaputt sein kann wie seine britische Heimat, glaubt er ja ohnehin schon. Unter Umständen hätte ich ihm widersprechen sollen…

2 thoughts on “London Diary 5 – Not another Hugh Grant movie”

  1. Camden Town habe ich irgendwie entspannter in Erinnerung als deine Worte vermuten lassen.
    Und noch etwas: Auf jeden Fall will man die gutste Björk live sehen! Also ich zumindest! 😛

    1. Ja, habe ich auch empfohlen bekommen. Da scheint die letzten Jahre ganz schön was schief gelaufen zu sein. Aber Camden ist zumindest um den Market rum ne einzige Touristenfalle und trotz streckenweise mäßigem Wetter immer noch überlaufen. Borough Market und Greenwich Market sind da ein ganz anderes Kaliber.

      @Björk: ……..

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